The Last Detail
Filmkritik von Lennart Brauwers
1973, Regie: Hal Ashby
Es ist eine traurige Tatsache: Wen wir nicht kennen, dessen Schicksal interessiert uns schlichtweg auch weniger. Als die beiden Navy-Mitglieder Billy "Badass" Buddusky und Richard "Mule" Mulhall also darüber informiert werden, dass sie den deutlich jüngeren Matrosen Meadows in ein entferntes Militärgefängnis eskortieren sollen, damit dieser dort eine achtjährige Freiheitsstrafe aufgrund eines versuchten Diebstahls von 40$ antreten kann, sind sie angesichts der Übertriebenheit/Unfairness dieses Urteils zwar kurz baff, groß jucken tut sie das aber nicht. Gelegentlich lachen die beiden noch über die Situation, schließlich ist ihnen dieser Meadows völlig fremd.
Eine andere Wahl, als diesen Befehl auszuführen, haben sie als untergeordnete Navy-Matrosen ja sowieso nicht. Das erste, was wir in "The Last Detail" zu sehen und hören bekommen, sind in Formation laufende Männer und die dazugehörige Marschmusik. Kurz danach dann aber: Eine Aufnahme vom tagsüber schlafenden Matrosen Billy "Badass" Buddusky (gespielt von Jack Nicholson in seiner allerbesten Performance; das findet er selbst auch). Die Wörter "fuck", "ass" und "bullshit" fallen relativ schnell und im weiter Verlauf des Films rekordmäßig oft. Eine antiautoritäre Haltung, die den Pflichten des Militärdienstes gegenübergestellt wird, etabliert der Film also sofort.
Jedenfalls ist “The Last Detail” erstmal noch genauso wenig an dem Innenleben von Meadows interessiert wie Badass (raucht ständig Zigarre, startet Prügeleien for fun, sagt Dinge wie "be a man") und Mule (ist weicher, mag Züge). Das ändert sich dann aber relativ schnell: Den beiden fällt auf, dass Meadows ja eigentlich noch ein Kind ist, also kommen sie ins Grübeln. Mehr und mehr fühlen sie sich für ihn verantwortlich, vor allem Badass nimmt eine geradezu väterliche Rolle ein. So bringt er Meadows bei, bestimmte Dinge nicht einfach nur hinzunehmen ("Have it the way you want it!"), und äußert später auch Sorgen über sein zukünftiges Wohlbefinden. Später ist da eine Szene, in welcher der ziemlich unreife Meadows am Schlittschuhlaufen ist und die beiden anderen ihm geduldig vom Rand aus zuschauen. Hauptsache der Junge hat nochmal 'ne gute Zeit. In einer anderen Szene bezeichnet Meadows, der diese subtile Gutherzigkeit sehr wohl wahrnimmt, die beiden als seine "best friends".
Vor allem Badass wird im Laufe von "The Last Detail" emotional involvierter und Meadows in seinen Augen zu einer tragischen Figur. Als ein Barkeeper verweigert, dem minderjährigen Meadows ein Bier auszuschenken, macht Badass seinem Namen alle Ehre und wird – gelinde gesagt – laut ("You're gonna have a fucking beer!"). Noch mehr Unfairness wäre zu viel, das kann er nicht ertragen. Jede Info, die er über Meadows erfährt, tut weh (eben dieses Gefühl spielt Nicholson in diesem Film so verdammt großartig); weil Meadows dadurch immer mehr zum greifbaren Menschen und seine Lage immer realer wird. Heißt: Je mehr sie ihn kennenlernen, desto schwierig wird es, sein Schicksal zu akzeptieren. Kennt man, dieses Gefühl, welches der Film auf unaufdringliche Weise einfängt.
Besonders interessant ist in "The Last Detail" außerdem, dass Badass und Mule dem unerfahrenen Meadows hier ein Leben zeigen wollen, von dem sie aufgrund ihrer langjährigen Navy-Dienste selbst keine Ahnung mehr haben. Das einzige, wovon Badass auf einer Party erzählen kann, ist sein Leben in der Marine, gleichzeitig sehen wir als Zuschauer aber erst ganz am Ende mal das Meer (und dann auch nur als Erinnerung daran, dass wir es zuvor nie wirklich gesehen haben). Das ständige An-Land-Sein der uniformierten Matrosen lässt sie durchgehend so aussehen, als seien sie Fehl am Platz, und generell werden sie immer wieder als Außenseiter der Gesellschaft dargestellt: So gibt es beispielsweise Aufnahmen davon, wie die Charaktere von außen in ein Restaurant schauen und draußen bleiben, oder distanzierte Darstellungen von verliebten Pärchen auf Parkbänken. Die Mission, Meadows eine schöne Zeit zu bescheren, wird für Badass und Mule also auch zum Versuch, sich als Teil von etwas anderem als der Marine zu fühlen – und zur Reise in ihre Pre-Navy-Vergangenheit.
Am Ende wird Meadows dann abgeführt. Es gibt keinen sentimentalen Abschied, nichtmal ein letztes Zunicken. Bei der Frage, ob er zwischendurch Fluchtversuche unternommen hat, lügen sie für ihn. Ist nur fair.

