The Apprentice
Trump verschwindet.
2024, Regie: Ali Abbasi

Immer wieder wird zu diesem neuen Film Abbasis gesagt und geschrieben, es wäre ein Biopic, das illustriere, wie Trump “zu dem geworden ist was er ist”. Ein sehr typischer Rezeptionsmodus dieser Art von Filmen, welcher auf der Ideologie beruht, die Biografie einer öffentlichen Figur, könnte im meist rein psychologischen Sinn Aufschluss darüber geben, mit wem wir es hier „wirklich“ zu tun haben. Als gäbe es so etwas wie einen Blick “hinter“ den Politiker, Demagogen, Autokraten, Bonapartisten, Milliardär, Unternehmer, Postmodernisten Donald J. Trump. Den gibt es aber nicht. Allerspätestens seit Reagen, dessen Slogan “Make America great again” Trump klaut, sollte klar sein, dass das Maskenhafte, oberflächliche gerade konstitutiv ist für bürgerlich-demokratische-Öffentlichkeiten. Dass es eigentlich kaum etwas Verschleierndes gibt, als der Blick, der sich als hinter den Vorhang blickend inszeniert und meint dort auch nur irgendwas zu finden, was mehr ist als reine Requisite. Auch wenn “The Apprentince” einige Momente hat, wo er bedauerlicherweise doch zu sehr diesen Rezeptionspfad anbietet, etwa besonders schockierend und intim sein will, hat er doch Elemente, die bestimmte These aufgreifen und einweben. Und gerade die thesenfilmartigen Versatzstücke machen diesen dann doch sehenswert. Sie alle haben gemeinsam, dass sie das Phänomen Trump stark zu historisieren und zu kontextualisieren versuchen. Mehr dazu im Artikel:
Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.
Trump trifft zu Beginn des Films auf den Anwalt Roy Cohn, großartig verkörpert von Jeremy Strong. Diese historische Figur wird als Überbleibsel der McCarthy-Ära inszeniert: als gnadenloser „Patriot“ Amerikas, der nun seine skrupellosen Methoden, einst gegen mutmaßliche Kommunist:innen eingesetzt, benutzt, um sich der New Yorker Upperclass dienlich zu machen. Der Akt des strukturellen Rechtsübertritts und dauerhaften Ausnahmezustands, der für den liberalen Staat konditionell ist, wird von ihm verkörpert und jetzt in den späten 70ern, dem Erstarken des politischen Neoliberalismus, privatisiert. Die Begegnung Cohns als McCarthy-Meister und Trumps als junger Neuunternehmer wird damit nicht nur zu einem Biopic typischen Abklappern biografischer Daten: Beide sind Masken, in denen sich größere politische Entwicklungen ihrer Zeit verdichten. Die Logik neoliberaler Politik wird in dem Film an späterer Stelle sehr transparent gemacht. So werden Trump für den Bau seines Trump-Towers alle Grundsteuern erlassen, mit der Begründung, er würde die Stadt dadurch wieder wirtschaftlich attraktiver machen und die „sozial verwahrlosten“ Viertel dadurch „erneuern“. Dies steht im starken Kontrast zum Beginn des Films, in dem die Handlung erst dadurch ins Rollen kommt, weil Trumps Vater wegen nicht eingehaltener Sozial-Bau-Verträge mit der Stadt ein Prozess droht. Die neoliberale Wende der Politik und wie sie einhergeht mit einer Allianz mit dem autoritären-Konservatismus der McCarthy-Zeit und dem neuen „Unternehmergeist“ Trumps, wird somit filmisch über das Verhältnis der beiden Figuren zueinander und der Politik der Stadt reflektiert. Dargestellt wird auch, wie schnell dies eine Dynamik des rauschhaften Charakters annimmt, wie ihn sämtliche Werke der 80er – etwa American Psycho reflektieren. Eine Welle, die so unaufhaltsam wirkt, dass sie die alten Meister wie Cohn plötzlich kilometerweit zurücklässt. So ist einer der besten Momente des Films, ab einem gewissen Punkt zu sehen, wie der selbstbewusst, jede Szene einnehmende Jeremy Strong, plötzlich nur noch ein durch Aids gezeichneter Schatten Trumps wird – nicht mehr von ihm loskommt. Wir wissen als Zuschauer:in, dass sich dieser autoritär konservative Schatten nie lösen wird, gar zur anderen Zeit wieder stärker hervorkommt. So stellt der Politikwissenschaftler Ingar Solty in seinem Text “Der 18. Brumaire des Donald J. Trump” fest, dass dieser sich nicht mehr als neoliberaler Politiker verstehen lässt. Viel eher bietet er mit seinem rechtsautoritären Nationalismus, der dann marktliberal ist, wenn es den USA nutzt und genauso auch protektionistisch auftritt, eine politische Alternative zu jenem Neoliberalismus, wie er von der Obama-Administration vor ihm, oder der Biden-Administration nach ihm repräsentiert wird.
Der erste postmoderne Präsident
Als Trump im Jahr 2017 45. Präsident der Vereinigten Staaten wird, ist es Slavoj Žižek, der immer wieder die These vertritt, es handelt sich bei ihm nicht um ein rein neokonservatives Phänomen, sondern um ein Resultat der Postmoderne. Auch wenn er sich dabei der Schwierigkeit, die mit dem Begriff der Postmoderne einhergeht, bewusst ist, bezeichnet er damit konkret das universelle ironisch und zynische Spiel mit Wahrheit, die sich in Trumps-Performanz immer wieder entfaltet. Nach Žižek lässt sich die Postmoderne also nicht in ihrer ursprünglichen Stil-Bezeichnung in der Architektur als verspielte Abwendung der Moderne begreifen. Sie wird spätesten ab den 80ern zu einer immer einflussreicheren ideologischen Form, die der kürzlich verstorbene Literaturtheoretiker Fredric Jameson als “kulturelle Logik des Spätkapitalismus” beschreibt und kritisiert. Es ist nun Ali Abbasis Film, der diese These sehr aktiv aufzugreifen scheint – Trump zeigt, wie er von seinem Mentor in genau diesem postmodern-zynischen Spiel ”unterrichtet“ wird. Drei Regeln werden zu einem wichtigen Motiv: 1. Angreifen, 2. Alles verneinen, nie etwas zugeben, 3. nie eine Niederlage eingestehen. Es gibt auch weitere Stellen, in welchen Cohen noch offensiver das postmoderne Wahrheitsverständnis adressiert, wenn er Trump predigt, dass es keine Wahrheit gibt, sondern dass man sich diese einfach selber macht. Es ist dieses Spiel, dessen sich Trump im Laufe des Films ermächtigt und daran anlehnend in eine der letzten Szenen mündet, in welchen es etwa heißt: Präsident, na ja, warum nicht auch das. Everything goes. Es ist jedoch ein Aspekt, der sich mehr über die Dialoge zwischen den beiden Figuren entfaltet, als dass er wirklich offensiv von der Ästhetik des Films aufgenommen wird. Diese reflektiert einen anderen Aspekt.
Genealogie der technischen Bilder
Der Film hat neben immer wieder interessanten unruhigen Zooms in kleineren Zwischenräumen und Spalten, in denen sich dann plötzlich ein Blick direkt an die Kamera verbirgt, eine übergeordnete ästhetische Idee. Diese ist zwar nicht unglaublich originell, fügt aber doch eine weitere interessante Ebene hinzu. Das Medium des Films selbst spiegelt das Film-Material der jeweiligen Zeit wider. So haben wir in den 70er Jahren noch grobkörnige 16-mm-Bilder, in den 80ern dann ein VHS-artiges und später dann ein geglättetes digitales Bild. Auf den ersten Blick kann dies als reiner Filter gedeutet werden, der eine Art der zeitspezifischen Immersion bewirken soll, wie es für Filme, die auf mehreren Zeit-Ebenen spielen, nicht unüblich ist. Andererseits wurde das Spiel mit den Formaten auch auf die Entwicklung Trumps bezogen, auf seine mediale Vermittlung und die Glättung seiner Figur. Die Grobkörnigkeit des Bildes wird zum Spiegel der noch unfertigen Persona, die sich zu einer künstlichen digitalen Glätte transformiert, auch in einer sehr drastischen Szene seiner Haar-Transplantation dargestellt. Beide Deutungen wären jedoch entweder a) auf herkömmliche Biopic-Tropen bezogen oder b) erneut vereinfachend auf die Reflexion der Trump-Figur zugeschnitten. Wie bisher aber versucht wurde zu begründen, lässt sich der Film auch lesen, als der Versuch sich zumindest stellenweise von Trump als konkrete menschlichen psychologischen Subjekt zu entfernen, und sich wiederum Trump als von den historisch-ideologischen Bedingungen der letzten 40 Jahre hervorgebrachten Phänomen anzunähern. Was ist also, wenn wir es mit dem Wechsel mehr mit einer neueren-kritischen Genealogie des Bildmaterials zu tun haben? Keineswegs ist der Film dabei mutig und experimentell genug, diese Frage wirklich intensiv zu bearbeiten: aber gerade durch seine Abfolge historischer Ereignisse und seiner Kopplung dieser an die Entwicklung des Neoliberalismus, scheint doch die Frage berechtigt, ob die Entwicklung des Filmmaterials diese historischen Bedingungen nicht nur illustriert, sondern in sich aufnimmt. So wird die tatsächliche Materialität des Films, die in gewisser Hinsicht noch einen direkten chemischen Bezug zum Abgebildeten hat, zum Ausdruck der Zeit vor dem postmodern ausgerufenen Ende universeller Wahrheit: des, wie es Lev Manovich ausdrücken wird, Ende der Indexialität = die Bilder Verweisen auf nichts “Tatsächliches” mehr. Das virtuelle Zittern und flackernde Rauschen der früheren und die Glätte der späteren Digital-Bilder wird wiederum zum Ausdruck einer neuen Wende im politischen Spiel: in dem alles manipulierbar, zugleich unendlich glatt und zugleich tief scheint, wie der Filmwissenschaftler Sulgi Lie die digitalen Bilder beschreibt. Der Filmwissenschaftler Lucas Curstädt zitiert diesen und betont in seinem Videoessay zu dem Thema mit dem Titel: “Nachdenken über die digitale Ästhetik des Kinos” am Beispiel von “Miami Vice” die ästhetische Eigenart des digitalen Bildes. Das Individuum sieht sich in diesem Film von einer permanenten Zirkulationssphäre von Informationen und Waren durchdrungen und kann sich dadurch gar nicht mehr als Subjekt von der umgebenden Umwelt abheben. Das wird von der digitalen Ästhetik des Bildes, in dem sich die Ebenen nicht mehr abheben, gespiegelt: Ein post humanes Bild eines globalisierten digitalen Kapitalismus.
Um also nochmal auf die Haar-Transplantation Trumps zurückzukommen: diese wird später unter digitalen Bildern inszeniert und hat fast etwas Mythologisch beschwörendes. Einerseits kann diese natürlich als Transformation des Trumps gelesen werden, “wie wir ihn kennen”, andererseits hat die ganze technische, sterile Szenerie in Kombination mit den Bildern auch etwas Cyborg-Artiges. Das post Humane des digitalen Bildes spiegelt sich im Auflösen Trumps als, der, wie wir ihn noch unter den Bedingungen des 16-MM-Bildes gesehen haben: Es ist eine Transformation, die nicht zeigt wie der Trump (das menschliche Subjekt Trump) nach Biopic-Codes zu dem Trump wird, wie wir Zuschauer:innen ihn kennen – sondern es ist die Auflösung des menschlichen Subjekts an sich, die in historisch und Medien genealogischen Form reflektiert wird. Die wohl stärkste Idee des Films, welche zu wenig ausgespielt wird: Trump wird nicht, sondern er verschwindet, völlig medial assimiliert.

Literatur:
Martin Beck/Ingo Stützle (Hrsg.): Die neuen Bonapartisten. Dietz Berlin
Lucas Curstädt: Nachdenken über die digitale Ästhetik des Kinos | Filmtheorie #6. https://www.youtube.com/watch?v=lMJHT3bdP04
Fredric Jameson: Postmodernism. Verso Books

