Suzhou River
Gastbeitrag von Leon Frank
2000, Regie: Lou Ye
Geschichten verschwinden ineinander
Der Suzhou River – ein Fluss in Shanghai, ist vor allem dafür bekannt, besonders belebt und schmutzig zu sein. Er befindet sich am Rande der Großstadt und bildet im gleichnamigen Film von Lou Ye einen Strom von Geschichten, die ihn füllen. Ein namenloser Erzähler, den die Kamera nie einfängt, obwohl er selbst ein Charakter des Films ist, beginnt zu erzählen. Er erzählt vom Fluss, von den Menschen, die um und mit ihm leben. „Wenn du nur lange genug hinschaust, zeigt dir der Fluss alles.“ Die wackelige Kamera treibt im Fluss umher, als könne sie eine POV des Erzählers sein, der sich später als Videograph herausstellen wird. Die Zuschauer*innen sehen Gebäude im Endstadium, alles umgreifenden Smog, Menschen, die über eine Brücke gehen; sie selbst sind Geschichten des Flusses, wie der Erzähler selbst. Wir könnten auch ihren Geschichten lauschen, doch wir sehen zwei Geschichten, die sich zu anderen Zeiten abspielen, bis sie aufeinandertreffen werden.
Die erste handelt vom Motorradkurier Mardar (Jia Hongsheng) und der jungen Moudan (Zhou Xun). Eines Tages springt sie von einer Brücke in den Suzhou River und ruft kurz vor dem Sprung Mardar zu, dass sie als Meerjungfrau zurückkehren werde. Mardar begibt sich nach einigen Jahren auf die unerbittliche Suche und findet Meimei (Zhou Xun), die als Meerjungfrau verkleidet Gäste in die Bar HAPPY TAVERN lockt. Sie ist die Freundin des gesichtslosen Erzählers.
Madars und Moudans Geschichte ist klar dem Thriller-Genre zuzuordnen, doch dieser endet bereits innerhalb der Geschichte. Die zweite Geschichte beinhaltet weiterhin Thriller-Elemente, lässt sich aber eher als Drama identifizieren. Die Geschichte handelt vom Suchen nicht nur der von Mardar, sondern auch der von Meimei, die auf einer Suche nach sich selbst ist. Sie wird im Laufe des Films behaupten, dass jeder eine Liebesgeschichte wie die von Madar und Moudan erleben sollte. Die beiden Liebesgeschichten intervenieren, weil Mardar versucht herauszufinden, ob Meimei in Wirklichkeit Moudan ist, was darin mündet, dass Meimei in gewisser Hinsicht zu Moudan wird, obwohl sie sich anfangs ihrer Existenz nicht bewusst ist. Dieses Konzept von Doppelgängern erinnert – natürlich – an Alfred Hitchcocks VERTIGO (1948). Der große Unterschied besteht in Verwendung des Erzählers als Charakter. Wie soll davon auszugehen sein, dass der Erzähler die Wahrheit erzählt? Er kann nur erzählen, was er glaubt zu wissen; auch deshalb gibt er zwischenzeitlich die Erzählung an Mardar ab, denn in seiner Existenz als Charakter ist es ihm nicht möglich, allwissend zu sein. Konsequenterweise muss es sich also um einen lügenden Film handeln. Die Narration ist subjektiv in dem Sinne, dass es sich um die Perspektive eines emotional involvierten Menschen handelt. Klaus Gronenborn schreibt, dass Lou Ye zu sich an Fassbinder zu halten scheint, der Godards Behauptung „Film ist Wahrheit, 24mal in der Sekunde“, „Film ist Lüge, 24mal in der Sekunde“, entgegnete.
Das Spiel zwischen Wahrheit und Lüge ist nicht nur originell, sondern nebenbei bemerkt auch das, was den Film so großartig macht. Es werden Lücken aufgerissen, die im Kreislauf der Geschichten stellenweise wieder geschlossen werden, aber Ungelöstes für eine zweite Sichtung lassen. Beispielweise ist bis zum Ende unklar, ob Meimei nicht doch die verschollene Geliebte Madars ist, denn was sie vor ihrem Aufeinandertreffen trieb, erfährt man nie. Das Ende einer Geschichte beeinflusst das Fortbestehen der anderen. Nicht ohne Grund hören wir vor dem Erscheinen des ersten Bildes folgendes Gespräch zwischen Meimei und dem Erzähler: „Wenn ich dich eines Tages verlasse... Würdest du nach mir suchen? Wie Madar? – Ja. – Würdest du mich für immer suchen? – Ja. – Dein ganzes Leben lang? – Ja. – Du lügst.“ Ihre Geschichten waren schon immer verbunden; Sie beginnen in der Vergangenheit, treffen sich in der Gegenwart und münden in einer unabwendbaren Zukunft– gewissermaßen einer Wiederholung des Erfahrenen, das zur eigenen Geschichte wird.
Literatur:
- Gronenborn, Klaus (2009): „Man fällt nicht zweimal in denselben Fluss“. Zu Suzhou River von Lou Ye. in: Frölich, Margit/Gronenborn, Klaus/Visarius, Karsten (Hrsg.): Made in China. Das aktuelle chinesische Kino im Kontext gesellschaftlicher Umbrüche. Marburg: Schüren Verlag GmbH, S. 151-163.


