Sicario
Filmkritik von Lennart Brauwers
2015, Regie: Denis Villeneuve
Was wir denen da oben erzählen wollen, fragt einer der FBI-Agenten im Anschluss an eine der unverhüllt gezeigten Grausamkeiten in "Sicario" (aufgefundene Leichen verrotten in Reih und Glied; Denis Villeneuve wird sich im Laufe des Films mehrfach die Zeit nehmen, unterschiedliche Reaktionen auf solche Brutalitäten zu zeigen) – und unsere Protagonistin Kate Macer antwortet: "The truth." Relativ schnell wird also etabliert, dass wahre Aussagen hier keineswegs eine Selbstverständlichkeit sind, sondern stets zur Debatte stehen. Deshalb ist es auch so, dass Macer im weiteren Verlauf von "Sicario" fast immer im Dunkeln gelassen wird. Sie will verstehen, wir auch, aber fast niemand ist ehrlich zu ihr. Anders als beispielsweise in Paul Thomas Andersons "Inherent Vice" liegt der fehlende Durchblick also nicht an einer mangelnden Auffassungsgabe des Hauptcharakters, sondern daran, dass andere Figuren sie immer wieder daran hindern, eins und eins zusammenzählen zu können. "Anyone not in this room is a potential shooter", heißt es dann höchstens mal. Oh, und achte auf die Polizei: "They're not always the good guys." Es dauert nicht lange, bis wir als Zuschauer feststellen, dass wirklich alle – auch der gut aussehende Typ an der Bar – unglaubwürdige Arschlöcher sind. Oder es zumindest bald werden, da wird die Welt schon für sorgen.
Während Kate Macer, die (noch) fest an ihren moralischen Prinzipien festhält, den Einstieg in diese unmenschliche Welt repräsentiert, zeigt Alejandro Gillick – gespielt vom großartigen Benicio del Toro –, zu was man sich dort verwandeln kann. Am Ende wird sie sicherlich verstehen, meint er einmal, dass man das Chaos nicht mit Regeln bekämpfen kann. Versuch ruhig, dich zu wehren, doch irgendwann wird dir die Welt eine Waffe an den Kopf halten und dich zwingen, jegliche Moral abzulegen. Das macht "Sicario" zu einem der pessimistischsten Filme der 2010er Jahre – und zu einem der allerbesten. Außerdem wirft Denis Villeneuve einem als Zuschauer ununterbrochen Leckerlis zu (supertolle Landschaftsaufnahmen aus der Vogelperspektive; First-Person-Kameraeinstellungen mit Videospiel-Ästhetik; fesselnde Nachtsicht-Sequenzen), die dieses Meisterwerk so ultra-originell machen.

