Problemista
Ein Märchen des bürgerlichen Antirassismus
2024, Regie: Julio Torres
Der neuen A24-Produktion und dem Debüt des Comedians/Schauspielers Julio Torres gelingt einiges. Nahezu alles Gute mündet dabei in der von Tilda Swinton verkörperten Figur Elizabeth. Aber auch ein paar Szenen schaffen es, die ökonomischen Verhältnisse, die den Protagonisten Alejandro immer weiter buchstäblich in die Existenzlosigkeit drängen, auf gelungene Metaphern zu bringen. Und doch hat der Film viele Probleme – die in ihrem naiven Wesen die typischen Tasten auf der Klaviatur aktueller liberaler Migrations-Ideologien spielen. Mehr dazu im Artikel:
Die Errettung des amerikanischen Traums
Alejandro ist zu Beginn erst einmal konzipiert, wie der Typus des Emigranten, wie sie bereits in Medien des 19. Jahrhunderts herausbildet. Er hat spezifische Talente – sowie Ambitionen diese auszuspielen – und möchte als Spielzeugdesigner bei Hasbro arbeiten: der amerikanische Traum. Da aber nun fast 20 Jahre vergangen sind, seit „Persuit of Happyness“ ohne postmoderne Brechung den amerikanischen Traum zelebrierte, scheitert er vorerst. Etabliert wird er dabei als Content-Maschine, dessen Ideen und realisierte Produkte wir immer wieder in eingeblendeten werbeartigen Clips sehen. Seine Spielzeuge stellen dabei zynisch traurige Variationen gängiger dar (wie etwa ein Spielzeugauto, dessen Reifen langsam platt werden etc.): Ideen, welche also in unserer Welt keineswegs von Hasbro vertrieben werden würden, in der Welt des Films aber schon, scheinbar. So erfährt man später im Film, dass eine Idee, mit welcher sich Alejandor bei Hasbro beworben hat, gestohlen und realisiert wurde, scheinbar mit großem Erfolg. Die Frage ist, warum man dieses Element brauchte. Seine Spielzeuge sind in ihren Einblendungen konzipiert als Spiegelungen seiner ausweglosen Situation, werden aber durch die Tatsache, dass sie tatsächlich realisiert werden und erfolgreich sind, anders kontextualisiert als eigentlich erwartet. Dieser Erwartungsbruch erfüllt aber nicht etwa eine komödiantische Funktion, sondern ist vielmehr ein Ausdruck der widersprüchlichen Konzeption der Figur Alejandro, an welchen der Film spätestens hier scheitert. So wird er einerseits als versagender Spielzeugdesigner etabliert, dessen Ideen eigentlich nicht vermarktbar sind, weil sie einzig Ausdruck seiner strukturell benachteiligten ökonomischen Situation sein können. Andererseits ist er aber auch ein kitschig aufgeladenes Genie – dessen Mutter in schon früh prägte, der talentiert ist usw. Der Film will also den Spagat schaffen zwischen einem Bewusstsein für die Ideologie des amerikanischen Traums, reproduziert diesen aber dann trotzdem; Alejandro ist eigentlich dieses Genie, dieser kreative Kopf; seine Spielzeuge sind genial und der Grund, weshalb er nicht genommen wird, ist einzig in rassistischen Vorurteilen (Korruption eines eigentlich funktionierenden Systems) begründet. Gleichzeitig ist er aber auch ein Ausdruck völliger Ausweglosigkeit aus der ökonomischen Sackgasse, die ihm mit Notwendigkeit genau da hineindrängen will, wo er hingehört: in Bullshitjobs, zum Putzen, bis in die Prostitution. Der Film reproduziert damit also schlichtweg die Haltung eines bürgerlichen Antirassismus, wie er sich im letzten Jahrzehnt herausbildete und sich gerade in diesem Jahr bis ins Absurde steigert. Eine Migrationspolitik, welche zur Zeit von wirtschaftlicher und demografischer Stagnation des Westens einerseits auf migrantische Arbeitskräfte angewiesen ist, rassistische Narrative über Diversität- und Repräsentationslogiken also entgegenwirkt, diese aber im Sinne des Kapitals weiter aufrechterhalten muss. Der stark säkularisierte Arbeitsmarkt wird damit zwar erkannt, kann aber notwendigerweise nur mit „Antidiskreminierungspolitik“ bekämpft werden, weil man sich natürlich nicht gegen die eigentlich ökonomischen Ursachen stellen kann, diese ja schließlich benötigt, wie Bafta Sarbo im Band „Diversität der Ausbeutung“ herausarbeitet. Die politisch schizophrene Verfremdung, welche im liberalen bürgerlichen Lager dabei in politischer Regression mündet, wird von Problemista in keiner Weise begriffen. Obwohl der Film dabei immer wieder surrealistische Bilder findet, die versuchen dies zum Ausdruck zu bringen, scheitert er. Hätte er sich stärker an der Hauptreverenz orientiert; wie Kafka, der mit „Amerika“ / „Der Verschollene“ zwischen 1911 und 1914 an einem Roman schrieb, der ebenfalls von dem Scheitern, der vollständigen Entfremdung und dem Enden eines Emigranten in den USA erzählt, dann wäre ihn dies vielleicht eher gelungen. Insbesondere mit dem Ende setzt der Film dann jedoch unter diesem herausgearbeiteten Problem ein dickes Ausrufezeichen.
Ende
Ein weiterer grundlegender Widerspruch des Films ist das absurde Verständnis für die Kreativbranche. Anstatt diese ebenfalls unter den sich im digitalen Kapitalismus durchgesetzten Plattformsystem (wie Uber und Co) zu begreifen, wird der Protagonist am Ende tatsächlich großer Spieledesigner bei Hasbro. Warum? Weil er bei Tilda Swintons Figur, die eigentlich der ultimative überspitze Ausdruck des zynisch postmodernen Unternehmers darstellt, eines lernt: Everything goes – und der selbstbewusst Hasbro mit der Veröffentlichung des Diebstahls seiner Idee an die Öffentlichkeit zu gehen, woraufhin sie ihn einstellen. An der Stelle wird die Funktion dieses komischen Plots noch deutlicher, dient er doch diesem Ende, in dem sich schließlich doch sehr klar für einen der beiden Pakte (amerikanischer Traum oder Kritik der Verhältnisse) entschieden wird. Die planlose Unsicherheit, die auch auf Kosten der Struktur des Films gehen, welche aus dem adressierten Widerspruch entstehen, muss sich ja schließlich irgendwie auflösen und schlägt dann doch schließlich einfach in „pursuit of happiness“ um (nur eben in bunt, divers, A24). Wie dieser hat der Film damit die Erzählweise und auch typische Motive eines Märchens mitsamt Happy End. Ob es dies aber zu einer Zeit, in welcher politische Märchen konstitutiv sind, während sich eine härtere, menschenverachtende Migrationspolitik immer weiter zuspitzt, braucht, das ist mehr als nur zu bezweifeln. Es ist ein Ende, welches jegliche kritische Möglichkeit der Reflexion über die Formen des spätkapitalsitsichen Rassismus, wie ihn etwa Natasha Browns sehr gelungener Roman “Zusammenkunft” schildert, ausblendet.
Quelle Titelbild: © 2024 UNIVERSAL STUDIOS



