Poor Things
Filmkritik von Lennart Brauwers
2023, Regie: Yorgos Lanthimos
Wie kann der Wille, sich selbst und die Welt um einen herum nicht nur entdecken, sondern auch verbessern zu wollen, eigentlich keine absolute Selbstverständlichkeit sein? Ohne hier den mahnenden Finger heben zu wollen – ist ja auch keineswegs so, dass ich da unschuldig bin –, aber: Müsste nicht jeder Mensch immer diesen Drang haben, schon von Natur aus? Würde jedenfalls Sinn ergeben, findet Bella Baxter, ohne das auch nur einmal so direkt auszusprechen. Als sie im Laufe von "Poor Things" irgendwann die schrecklichen Seiten unserer Welt kennenlernt, will sie reflexartig eingreifen. Das ganze Geld muss an die Armen, das ist völlig klar für sie. Weil die brauchen's ja. Alles, was davon abweicht, kann sie verständlicherweise nur schwer begreifen. Und wenn der zynische Nebencharakter Harry Astley dann an einer Stelle meint, dass wir als Menschheit ohnehin eine "fucked species" seien, findet sie genau die richtige Antwort und nennt ihn einen "broken little boy who cannot bare the pain of the world". Es ist eindeutig: Bella Baxter for president!
Mit solchen Fragen, die erstmal stumpf erscheinen, keineswegs aber uninteressant sind und sich nur selten vor Augen geführt werden, hat Yorgos Lanthimos sein neues Meisterwerk "Poor Things" vollgepumpt: Warum soll ich so tanzen wie die anderen, wenn wildes Herumhüpfen doch viel mehr Spaß macht? Warum soll ich's im Mund behalten, wenn's ekelig ist? Warum können wir nicht durchgehend Sex haben oder uns wenigstens gegenseitig im Genitalbereich anpacken, wenn alles andere vergleichsweise langweilig erscheint (der Film ist vorerst schwarz-weiß und wird erst so unglaublich farbvoll, nachdem Bella zum ersten Mal Sex hat)? Das sind Fragen, die aufgrund unserer Sozialstation innerhalb dieser Gesellschaft gar nicht mehr gestellt werden – und auf die "Poor Things" nun nochmal mit dem Finger zeigt. Ebenso subtil wie aggressiv und gerade dadurch so originell.
Auch deshalb ist "Poor Things" ein Coming-of-Age-Film der etwas anderen Art, ähnlich wie "The Lobster" des gleichen Regisseurs schon die verschrobene Version einer Rom-Com war. Zu Beginn ist Bella Baxter noch ein Kind (ähm, quasi): Ihr Schöpfer Dr. Godwin Baxter liest ihr zum Einschlafen vor; sie sagt nicht "Ja!", sondern klatscht stattdessen wild; sie wirft jemandem nicht nur ihren Drink ins Gesicht, sondern direkt das ganze Glas – generell wird Gewalt hier als etwas dargestellt, das man erstmal VERlernen muss. Bella ist ein Experiment und laut Dr. Godwin Baxter nichts anderes als die ultra-sympathische Gans mit Hundekörper. Doch durch die Blume wird in "Poor Things" auch die Frage gestellt, ob nicht jedes Kind eine Art von Experiment ist. Man lässt etwas auf die Welt los bzw. lässt die Welt auf etwas los und schaut dann mal, was passiert. "So many things outside can kill you", wird unserer Protagonistin einmal gesagt, bis ihr solche Aussagen dann nicht mehr ausreichen. Sie will raus, jetzt sofort, und wird am Ende des Films festgestellt haben: Das denkbar Wertvollste sind die Erinnerungen an das, was man bereits erlebt hat. Supertoll.
"I am finding being alive fascinating", meint Bella einmal. Um das zu untermalen, benötigt es einen Film, der ebenfalls mit einer unglaublichen Vielfalt faszinieren kann, und "Poor Things" ist ganz genau das. So ist da beispielsweise eine Szene, in der sie zum ersten Mal Musik hört und davon ganz gerührt ist, während gleichzeitig eine gewisse Enttäuschung mitschwingt: Warum zum Teufel hat mir das noch keiner gezeigt? Wie konnte man mir sowas Wundervolles vorenthalten? Extrem lustig ist der Film ebenfalls: Häufig wird hochgestochen gesprochen und unmittelbar danach ein Satz rausgehauen wie "What a pretty little retard" oder "Your sad face makes me discover sad feelings". Und ganz casual wird auch mal ein Gehirn in Scheiben geschnitten, so Schinken-mäßig. Hach, Kino.

