Schnell lässt sich in der sogenannten, lediglich thematisch zusammenhängenden "Paranoia"-Trilogie von Alan J. Pakula ein gewisses Gefühl von Distanz identifizieren. Direkt zu Beginn des ersten Films, "Klute", bekommen wir ein Ehepaar zu sehen, das während einer Feier an gegenteiligen Enden des langen Esstisches sitzt und einander kaum verstehen kann; Figuren, die ungehört bleiben, werden sich als roter Faden innerhalb der gesamten Trilogie herauskristallisieren. Doch erst einmal zurück zu der (damit ja zusammenhängenden) Distanz: Pakula zeigt uns gleich mehrmals Fotos, die im Haus des Paares rumstehen – und auf denen Ehefrau und Ehemann nicht gemeinsam zu sehen sind, sondern getrennt voneinander. Auch in "The Parallax View" und "All the President's Men" erschafft Pakula ein solches Gefühl von Abstand und Abgeschnittenheit, mit Hilfe von Shots, die durch Scheiben, Gardinen oder irgendwelche Gitter hindurchgehen und häufig aus großer Entfernung aufgenommen wurden.
Eben dadurch, dass dieses Distanzgefühl in "Klute", "The Parallax View" und "All the President's Men" etabliert wird, spüren wir als Publikum die immer wieder aufkommende Paranoia der Figuren umso mehr; weil der Kontrast zwischen dem Zuschauen aus weiter Entfernung und dem plötzlichen Angstgefühl so radikal ist. Vor allem in "Klute" – "Ich konnte nicht schlafen. Ich hör immer irgendwelche Geräusche", meint Jane Fonda einmal darin – erschafft Pakula diese Wirkung durch alte Horror-Tricks: Es wird langsam herausgezoomt, doch wider Erwartens ist da keiner; das Telefon klingelt, aber niemand ist dran. Und in "All the President's Men" fängt Robert Redford einmal an zu rennen, weil ihn jemand zu verfolgen scheint, dreht sich dann aber um und niemand ist zu sehen. Pakula deutet also immer wieder Dinge an, die scheinbar gar nicht da sind.
Das passt dann natürlich auch zu dem Überwachungsaspekt, der in allen drei Filmen mitschwingt und an Franis Ford Coppolas unterbewertetes Meisterwerk "The Conversation", das im selben Jahr wie "The Parallax View" erschein, erinnert. Das erste, was wir in "Klute" zu sehen bekommen, ist ein Tonbandgerät, während die beiden Journalisten (= die cooleren Detektive) in "All the President's Men" sich aus Angst davor, dass jemand mithört, über eine Schreibmaschine unterhalten. Der Film, in dem der bekannte Watergate-Skandal, also das Hauptbeispiel für das Misstrauen im Herzen der frühen Siebzigerjahre, thematisiert wird, ist voll von Figuren, die sich aus reiner Angst vor der Überwachung weigern, zu sprechen. Paranoia über Paranoia.
Während für die Figuren häufig unklar ist, ob die Gefahr nun real oder lediglich eine Einbildung ist ("Das sind nur die Nerven. Ich bin einfach nervös, weiter nichts."), wissen wir als Zuschauer bei allen drei Filmen, dass ihre Paranoia eine totale Berechtigung hat. Die Journalistin Lee Carter stirbt in "The Parallax View", genau, weil ihr nicht richtig zugehört wurde; und später ist der von Warren Beatty gespielte Protagonist in einer ganz ähnlichen Situation, wenn seiner konfusen Verschwörungs/Vertuschungsgeschichte kein Glauben geschenkt wird. Wie auch in "All The President's Men": "Ich glaube die Story nicht, sie ergibt keinen Sinn", heißt es in der "The Washington Post"-Redaktion bezüglich des aufgedeckten Watergate-Skandals. Egal wie sicher man sich ist, dass da irgendwas nicht stimmt, kann das für andere immer noch nur wie unverhältnismäßige Paranoia aussehen. Nichts deute auf eine Verschwörung hin, heißt es in "The Parallax View" zu Beginn wie auch am Ende. Wenn das Interesse an der Wahrheit schlichtweg fehlt, kann man nur Angst bekommen.
Kurz noch: Weder Alan J. Pakula noch die fantastischen Schauspieler sind so ausschlaggebend für die Großartigkeit der "Paranoia"-Trilogie wie der Cinematographer Gordon Willis, der z.B. auch für den ikonischen Look von "The Godfather" verantwortlich war. Niemand ist so genial im Spiel mit Licht: Kerzenfeuer, angezündete Zigaretten, halb im Dunkeln stehende Gesichter. Überragender Typ.