Network
I'm real. You can't switch to another station.
1976, Regie: Sidney Lumet
Ein eher unbesonderer Film, den ich als Jugendlicher im Kino sah, war “Fury" (deutscher Titel: “Herz aus Stahl”). Manche können sich vielleicht erinnern: Zweiter Weltkrieg, überflüssig brutal, Brad Pitt mit unsympathischer Frisur. Hatte man schnell wieder vergessen, die Figuren waren eher farblos und der Gesamtton plump, das Gegenteil von smooth also (und damit auch das Gegenteil von Sidney Lumet). Ein Aspekt, auf die meine damalige Kinobegleitung hinwies, ist mir jedoch im Gedächtnis geblieben: Gegen Ende fährt die Kamera gen Himmel, dem Schlachtfeld zugerichtet, und wir sehen, dass der titelgebende Panzer Fury von unzähligen Soldatenleichen umgeben ist – ein Symbol dafür, dass die Handlung des Films lediglich beispielhaft sein sollte. Hinter jeder Person, die in diesem Krieg beteiligt war, verbirgt sich eine Geschichte voller Drama und Leid.
In “Network” – einer der besten Filme, die ich dieses Jahr sehen durfte – macht Sidney Lumet etwas Ähnliches und verdeutlicht: Die Geschichte um den Fernsehsender UBS, der im Zentrum dieses Meisterwerks steht, ist nur eine von vielen. Hinter jedem Network läuft solch eine, Pardon, kranke Scheiße ab. Zu Beginn sehen wir also vier Bildschirme, alle mit unterschiedlichen Inhalten, doch nur auf einen davon wird rangezoomt; Lumet zeigt uns die Gebäude der anderen Sender (CBS/ABC/u.s.w.) sowie deren Reaktionen auf das, was bei UBS ausgestrahlt wird. Krieg also – ganz anders, klar, aber vorhanden.
Es ist ein kaltblütiges Business voller Halsabschneider, das in “Network” gezeigt wird. Keiner hört dem anderen zu; unauthentische Kapitalistenschweine wollen Authentizität ausstrahlen und labern irgendwas von Gegenkultur; Diana Christensen (gespielt von der großartigen Faye Dunaway) hat sich gerade noch Ideen für fiktive TV-Serien überlegt und ist plötzlich für die News zuständig. Zum Scheitern verurteilt, ist das – und schlichtweg falsch, im moralischen Sinne.
Geradezu horny wird Christensen, als der psychotische Fernsehmoderator Howard Beale beginnt, völlig durchzudrehen – ist gut für die Quote, denkt sie sich, das wollen die Leute sehen. Hier sorgt sich niemand um den Zustand eines kranken Mannes, das einzig Wichtige ist das Wohlbefinden des Senders. Vor allem für die jüngere Christensen scheint das zuzutreffen, so wird in “Network” auch eine Art Generationswechsel gezeigt: "The only reality she knows comes from a TV set", heißt es.
Und die beste Quote – auch das macht Lumet mehrfach deutlich – bringt nunmal das Leid anderer (übrigens: “Fury” hat stolze $211 Millionen eingespielt). Als wäre das eine Selbstverständlichkeit, akzeptieren die UBS-Mitarbeiter, dass Howard Beale anscheinend Selbstmord begehen möchte. On air, versteht sich. Die Menschen schalten ein, lächelnd. Beale klappt zusammen → Applaus. Das war 1976 der Fall und ist 2024 noch realer. Was da gesagt wird? Keine Ahnung… Aber guck mal, der dreht voll durch haha!
Der damals schon legendäre Sidney Lumet zeigt das Ganze mit einer smoothen Stilsicherheit, die – anders als bei seinem hektischen Meisterwerk “Dog Day Afternoon” – trotz der ultraintensiven Performances und aufbrausenden Ereignisse eine gewisse Ruhe ausstrahlt. Lumet macht im Laufe des Films nur selten auf seine Regie aufmerksam, malt die Charaktere mit einer beeindruckenden Eleganz und erschafft vor allem dadurch (subtile) Bewegung, dass er die Gesichter den Bildschirm ausfüllen lässt und dann wieder nicht. Mühelos.
Jedenfalls: TV – das heutige Pendant wäre wohl Social Media – ist viel zu mächtig, um kommerziell gesteuert sein zu dürfen. Geldgeile, ehrenlose Bastarde kontrollieren die Wahrheit. Hat was Faschistisches, wenn sie "We're number one!" brüllen. Dystopisch, ist das. The revolution was televised. Ideologien gibt's nicht mehr. "The world is a business". Wir sind am Arsch.



