Nashville
Alles, was in “Nashville” abgeht, passiert gleichzeitig, hängt zusammen und clasht gegeneinander.
1975, Regie: Robert Altman
Sie gehört zu den besten Szenen der Siebzigerjahre, regelmäßig schaue ich sie mir auch losgelöst vom Rest des Films an: Der talentierte, wenn auch unsympathische Folksänger Tom Frank sitzt auf der Bühne und performt seinen wunderschönen Song “I’m Easy”, während gleich drei Frauen im Publikum glauben, er singe gerade über sie – mit jeder von ihnen hat der Musiker eine Liebelei am Laufen, Tom Frank ist nur einer von unzähligen Drecksäcken im Meisterwerk “Nashville”. Nur durch Blicke und Schnitte erzählt Regisseur Robert Altman extrem viel, ist dabei stilvoll und subtil, mit jeder Kameraeinstellung lernen wir etwas Neues über das komplexe Beziehungsverhältnis dieser Figuren.
Wie Robert Altman solch aufgeladene Szenen mit gefühlt dreitausend weiteren Handlungssträngen jongliert, ist meisterhaft. Er setzt einen Schnitt nie einfach so, sondern sorgt immer dafür, dass irgendeine neue Verbindung der Figuren dadurch deutlich wird. Auch eines der größten Markenzeichen des Regisseurs – das bewusste Überlappen von Dialogen – passt hier perfekt: Alles, was in “Nashville” abgeht, passiert gleichzeitig, hängt zusammen und clasht gegeneinander.
Schnell gibt uns dieser Film das Gefühl, dass jede der 24 (!) Hauptfiguren wichtig ist. Gleichzeitig heißt es: Wer nicht reinpasst, muss weg. Hochaktuell also. “You get your haircut, you don’t belong in Nashville”, meint der konservative Countrysänger Haven Hamilton einmal zu einem langhaarigen Hippie-Keyboardspieler. Damit repräsentiert der Film einen Generationenkonflikt – auch symbolisiert durch das von Shelley Duvall gespielte Hippie-Mädel Martha, die keinen Respekt vor älteren Familienmitgliedern zu haben scheint – sowie eine Diskrepanz zwischen mehreren Weltanschauungen. Niemals stellt Robert Altman eine Seite über die andere (schließlich ist er selbst ein Regisseur, der zwar zur Revolution des New Hollywood gezählt wird und durchaus als aneckend beschrieben werden kann, selbst aber deutlich älter als damals aufstrebende Filmemacher wie Martin Scorsese oder Brian De Palma war). Durch seine zerstückelte Ästhetik ist “Nashville” ein klares Produkt der 1970er Jahre, also jenes ambivalenten Jahrzehnts, das einerseits den Tod des Sixties-Traums repräsentiert, gleichzeitig nicht davon loslassen konnte und für eine Aufspaltung in viele kleine Subkulturen steht. Können diese Gruppierungen koexistieren? Was macht diese Aufspaltung mit Menschen? Wer davon passt nach Nashville, in die USA, in unsere westliche Gesellschaft an sich?
Charaktere wie der traditionell orientierte Countrysänger Haven Hamilton wirken durch ihre konservative Einstellung arrogant, geradezu bedrohlich; sein Lächeln wirkt unaufrichtig, Hamilton ist ein geleckter Typ und predigt veraltete Werte (“We must be doin’ something right, to last 200 years”). In die Politik will er gehen. Das kommt uns doch bekannt vor…
Jeder in “Nashville” ist, sagen wir, scheiße – selbst die liebvolle Mutter Linnea Reese betrügt ihren Ehemann mit dem erwähnten Tom Frank –, jeder in “Nashville” ist echt. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum dieser Film sich so glaubwürdig anfühlt: Schon zu Beginn von “Nashville” wird die vierte Wand durchbrochen, indem innerhalb des Films ein Werbespot für eben diesen gezeigt wird. Auch dadurch, dass Schauspieler*innen wie Elliott Gould und Julie Christie sich selbst spielen, haben wir ständig das Gefühl, wir hätten es hier mit unserer wirklichen Realität zu tun. Eine kluge Ergänzung ist außerdem die englische BBC-Journalistin Opal, die eine Dokumentation über die Musikszene in Nashville drehen will; eben dadurch wird das ohnehin schon dokumentarische Feeling des Films nochmal unterstrichen. Dass sie einen europäischen Blick auf die USA hat, sorgt nicht nur für humorvolle Momente (“That’s america, those cars crashing into each other!”) , sondern hilft uns als Zuschauer*innen auch, einen Weg in die fremde Welt dieses Films zu finden.
Es wurde schon oft darauf hingewiesen, dass die Stadt Nashville hier als Mikrokosmos für die gesamte USA fungiert. Was uns in diesem satirischen Film gezeigt wird, ist auf der Oberfläche schön und ansprechend, doch bei genauer Betrachtung fällt auf, wie kaputt diese Welt eigentlich ist; so geht es jedem, der sich längere Zeit mit US-amerikanischer Kultur auseinandersetzt. Die geleckte Fassade zerbröckelt von Szene zu Szene weiter, bis zur unumgänglichen Eskalation. Doch Attentäter Kenny Frasier, der am Ende des Films die labile Countrysängerin Barbara Jean erschießt, wird nicht als tickende Zeitbombe dargestellt, anders als ein Psychopath wie Travis Bickle aus “Taxi Driver” (1976) wirkt er relativ normal, wodurch das Ganze fast noch bedrohlicher und eben echter wirkt. Damit wären wir wieder beim dokumentarischen Realismus des Films, auch die Reaktionen auf das schreckliche Attentat werden genauso inszeniert wie die Reaktionen der Zuschauer auf die geleckte Countrymusik der Nashville-Sänger*innen: Ziemlich emotionslos. Weinende Gesichter? Fehlanzeige. Die schlimmstmögliche Realität wurde hier bereits akzeptiert.
Immer wieder scheint Robert Altman uns sagen zu wollen: Das Problem ist nicht ein einzelner Attentäter, sondern die Welt, die ihm solch grausame Attentate ermöglicht. Wenn jeder ein Arsch ist, wie soll das dann ausbleiben? Ein Blick auf die US-Flagge, den Frasier vorm Abdrücken wirft, führt in “Nashville” zum Gewaltakt. Logisch. “All of us are deeply involved with politics”, hört man den Präsidentschaftskandidaten Hal Phillip Walker einmal sagen. Robert Altman wirft in diesem Meisterwerk die Frage auf, was es überhaupt bedeutet, politisch zu sein. Dass Walker stets unsichtbar bleibt, ist kein Zufall. Politik benötigt keine Politiker? Im Gegenteil: Die politischen Durchsagen, die in einer Tour aus irgendwelchen Lautsprechern schallen, gehen den Figuren total auf die Nerven – und uns als Publikum genauso. Irgendwann hört niemand mehr zu oder geht darauf ein. Und dann der (nötige?) Knall…



