Monkey Man
Form, Erwartung, Wiederholung
2024, Regie: Dev Patel
Patels Debüt wirkt auf den ersten Blick wie eine Hommage an eine Hommage. Es ist eine Szene gleich zu Beginn. Eine Typische, in welcher der Held, hier auch verkörpert vom Regisseur selbst, sich auf seine Rache vorbereitend zum Waffenhändler begibt. Das Ausrüsten des Helden vor einem Akt der Rache – man kennt dies jüngst, insbesondere aus… Die Assoziation wird gleich zu Beginn von einer Szene unterstrichen; aus John Wick. So wird Patels Figur eine Pistole angeboten, welche, so ungefähr der Dialog: Die Pistole sei, die „John Wick im Film auch verwendet… Nur aus China.“ Der Protagonist lehnt ab. Er braucht etwas Kleineres: Er wählt für seinen Akt der Rache den Revolver. Das Zitat wird nochmal dick unterstrichen. Monkey Man inszeniert sich selbst im Verhältnis zum konventionellen Gönner des Action-Genres der letzten Jahre, wie der italienische Western zum amerikanischen. Die bereits zum kulturindustrieellen Bezugspunkt mutierte Hollywood-Form John Wicks soll hier dabei “auf den Kopf gestellt werden“: Die Kamera wackelt fleißig und zementiert auch wackelnd Monkey Mans vorherrschenden Anspruch, die eigenen Bilder zu politisieren. Dies scheint nämlich der entscheidende Abgrenzungsmoment zu sein: Der Film schreit einen im wahrsten Sinne des Wortes förmlich an: Ich habe John Wick gesehen. Ich finde ihn gut, aber nun mache ich ihn politisch. In dem Sinne ist es ein sehr engagierter Film – doch er scheitert, insbesondere in Anbetracht der formalen Struktur.
ABCBC…
In ihrer neu-formalistischen Einführung in den Film widmen sich die Filmwissenschaftler David Bordwell und Kristin Thompson der Form des Films. An einer Stelle illustrieren sie dabei das Verhältnis von Form zur Erwartungshaltung des Zuschauers:
AB Dadurch, dass wir wohl alle das Alphabet kennen, erwarten wir in der Folge natürlich, dass ein C kommt. Was ist aber, wenn es stattdessen dann ABA heißt: Wir sind, so Bordwell und Thompson, überrascht und dies motiviert uns wiederum aktiv Mutmaßungen anzustellen, welcher Buchstabe als Nächstes kommen könnte. Als Nächstes kommt dann ABAC. Vielleicht hat man es tatsächlich richtig erwartet, in dem Fall stellt sich der Eindruck ein, den nächsten ebenfalls richtig vorherzusagen. ABACA vielleicht, so glaubt man, hat man ein Muster erkannt: Jeder zweite Buchstabe ist ein A zum Beispiel. Was ist, wenn dann aber auf einmal wieder ABACABB kommt? Eine Wiederholung desselben Buchstaben? Das ist neu. Was hiermit illustriert wird, ist das involvierende Element von “Form“(im naiven Sinne), welche den Zuschauer aktiv in das Gesehene einbinden, Erwartungen konstruieren, sie brechen usw. Gemäß Bordwell und Thompson kann man dieses Spiel mit Erwartungen in den Anordnungen von Szenen, Bildern, Handlungselementen etc. an jedem Film durchexerzieren. Wichtig ist dabei die Konvention. Genres, die Kulturindustrie usw. konstituieren wiederum formale Anordnungen. In der Sprache der Produktionsseite drückt sich dies wohl durch entsprechende Vorgaben aus, wie weit es Filme mit der Erwartungshaltung des Konsumenten treiben dürfen: im Terminus der Kulturindustrie ist die Frage, ob die Gleichheit der kapitalistischen Kultur, insbesondere in wachsender Relevanz der Strukturen des Finanzkapitals, in ähnlicher Weise die Erwartungshaltung hervorbringt, von welcher sie ausgeht, wie sie selbst von der Erwartungshaltung des Publikums hervorgebracht wird. Aber das soll an dieser Stelle nur angedeutet werden, um die Implikationen zu unterstreichen, welche bereits mit dieser Perspektive auf das Verhältnis von Form und Erwartung im engeren Sinne einhergehen. Wichtig ist das Motiv der Konvention. Bestimmte Erwartungshaltungen, welche gerade im Genrekino besonders zur Geltung kommen. Wie lässt sich unter diesem Hintergrund also das Zuschauer-Form-Verhältnis bei John Wick beschreiben und wie geht Monkey Man nun mit diesem um?
Der Ritter und die Räuber. Der Ritter und die Räuber.
Ein Ritter, Erec genannt, reitet mit einer Prinzessin, Enite genannt, durch einen Wald. Sie reitet vor ihm – er hat einen Helm auf und kann entsprechend nicht besonders gut sehen – sie kann gut sehen, es gibt aber ein Problem: Erec hat Enite ein striktes Redeverbot auferlegt. Plötzlich begegnen sie einer Gruppe von Räubern, die nur darauf warten, die beiden zu überfallen. Hier greift das beschreibende Problem der beschränkten Wahrnehmung Erecs und der beschränkten Kommunikation Enites: Er kann die Räuber nicht sehen – sie darf ihn nicht warnen. Was tun? Einite ignoriert das Verbot und warnt ihm trotzdem – Erec erschlägt folgend alle Räuber – Sie reiten weiter. Was geschieht nun? A B? Nein. Exakt dasselbe passiert noch einmal. Wieder reiten, wieder Räuber, wieder warnen trotz Verbot, wieder alles totschlagen, was nicht bei Drei auf dem Baum ist: AA eine irritierende Dopplung des Geschehens. Diese Stelle ist eine sehr berühmte Passage aus dem etwa 1180/1190 entstandenen Artus-Roman „Erec“, geschrieben von Hartman von Aue. Immer wieder treten in diesem Werk Wiederholungen auf, gar die ganze Struktur ist eine einzige große Wiederholung. Ein formaler „Doppelweg“, wie der große Mediävist und Literaturwissenschaftler Hugo von Kuhn es in den späten 40ern herausarbeitete. Die Frage, die sich ihm jedoch dabei stellte, war: Selbst, wenn die gesamte Form der Handlung der Logik einer einzigen großen Wiederholung folgt, wozu genau braucht es dann auch noch diese kleine Wiederholung? (Die Räuber, die Räuber.) Der Begriff, welchen er dafür einführte, war der des „Epischen Doppelpunkts“. Durch die kleine Wiederholung soll dem Leser (oder in diesem Fall der Zuhörerschaft, wurde der Text wohl ursprünglich vorgetragen) aktiv auf die größere wiederholende Struktur der Erzählung hingewiesen werden. Der narrative Imperativ lautet damit: „Achtet auf die Wiederholung, sie ist wichtig, um das Ganze hier zu verstehen!“
Schaut man sich nun die John Wick Reihe an, dann lässt sich dieses formale Motiv ebenfalls beobachten, gar als konstituierend ausmachen. Wichtig ist dafür ganz besonders eine Szene, nämlich die der Treppe von Sacre Coeur im 4. Teil. Wick kämpft sich diese zum Ende einmal komplett hoch, um anschließend die ganze Treppe wieder hinuntergestoßen zu werden, um sie sich dann erneut hochzukämpfen. John Wick und die Goons. John Wick und die Goons. Natürlich ist es schließlich im großen Sinne die Wiederholung, welche die gesamte Reihe ausmacht: Jeder Film ist dasselbe und sich dessen auch bewusst: so sehr, dass es jetzt auch nochmal im Kleinen den entsprechenden Doppelpunkt einbaut, um noch einmal überdeutlich darauf hinzuweisen. Im Endeffekt sind es auch die sonstigen Konventionen, welche die Reihe ausmachen: Der Anzug, die Waffe, die Kampfsport-Szenen – Die Arcade-artig angeordnete Actionpassagen, welche sich etwa an „The Raid“ orientieren. Das übergeordnete Motiv der formalen Wiederholung ist aber schließlich das konstruierende Element des Verhältnisses von Form und Erwartung. :AA = achtet auf Wiederholung und die Wiederholung kommt dann tatsächlich auch. Diese formale Struktur funktioniert dabei, man sieht es am Erfolg, äußerst gut. Warum ist dabei nochmal eine andere Frage, die zurückgestellt werden muss.
Blind und stumm
Was macht nun also Monkey Man? Auch hier bildet eine Wiederholung den eigentlichen formal narrativen Kern. Zweimal haben wir eine Invasion des Protagonisten eines Hotels, einmal scheiternd, das zweite Mal erfolgreich. Auf einer konventionellen Ebene versucht der Film dabei mit Filmen, wie etwa John Wick zu brechen, was auch an und für sich funktioniert: Der Protagonist ist, entgegen der Erwartung kein alles-Könner, erhält zum Ende Unterstützung, kämpft ungeplanter, brutaler, schießt mit einem Revolver statt mit der Pistole John Wicks. Monkey Man möchte sich eigentlich von der Wiederholung absetzen, nicht einfach nur Unikat sein, ohne den narrativ-formalen Kern der Reihe dabei aufzugeben. Dabei stellt sich aber das Problem, wie er es schafft diesen Kern zu erhalten, ohne aber zugleich schlichtweg nur Signifikanten auszutauschen: Schwacher statt starken Protagonisten, Mumbai statt westlicher Städte, aktives Aufgreifen von Gegenwartsdiskursen etc. Die Erwartungshaltung wird gebrochen, ja vielleicht,- aber der unterstrichene Bruch findet wohl am prägnantesten auf der Ebene der Ausstattung statt. Eventuell ist gerade die Angst vor diesem Punkt der Grund, weshalb der Film schließlich auch an der Integration der „Wiederholungsformel“ scheitert, und zwar primär aus den Gründen das 1. Auf „Epische Doppelpunkte“ sprich kleine Wiederholungen als konstituierendes Element verzichtet und über den Einsatz der Wackelkamera jedem Bild etwas Zufälliges und zugleich Eintöniges verleiht wird, was die klare Doppelweg-Struktur verwässert nicht erweitert und 2. Als Element, welches die Zuschauererwartungen prägt, exzessiv auf die Rückblende als Mittel zurückgreift. In diesem Fall hat diese auch noch keine andere Funktion, als ein langweiliges ödipales Motiv für die Hauptfigur zu etablieren: die Wärme des Mutterschoßes – eine Vergewaltigung usw.
Dazu kommt auch noch das Fehlen von “Spannung“. Auch hier verrät uns die Beziehung von Enite und Erec einiges. So ist es ein Spannungsverhältnis, was durch das Redeverbot in Kombination mit der Sichtbehinderung Erecs erzeugt wird. Eine Schwelle, die die Erwartung setzt, dass sie doch übertreten werden müsste, aber wird sie das? Brodwell und Thompson drücken Suspense so aus A… was kommt? Wir wissen es nicht. Bei Monkey Man gibt es kaum solche Konstellationen, da alles schon gerahmt ist durch die Rückblenden und durch den übermäßig aufgedrückten politischen Anspruch. Plötzlich taucht dann zur Mitte schnell auch noch eine rechte Partei auf, die aber in der Handlung keinerlei Funktion erfüllt. Erec kann sehen, Enite kann reden: beiden reiten und sie küssen sich. Ende. Wir bleiben blind, weil wir nichts zu sehen bekommen und stumm gegenüber den durchaus relevanten gegenwartspolitischen Themen, die der Film aufgreift.
Literatur
- Aue, V.A.(2012): Erec. Reclam. Stuttgart
- Bordwell, D./Thompsom, K.(2001): Filmart. An Introduction. McGraw-Hill Companies, New York
- Kuhn, H.(1973): Erec in: Hartmann von Aue (Wege der Forschung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt

