Mission: Impossible – The Final Reckoning
Was jagt Ethan Hunt?
2025, Regie: Christopher McQuarrie
’Was jagt Ethan Hunt’ ist eine Frage, welche die „Mission: Impossible“-Filme besonders mit dem ersten Teil bewusst ambig stellt. So ist syntaktisch uneindeutig, wer hier Subjekt und Objekt ist – wer hier jagt und wer gejagt wird. Brian De Palma kombiniert 1996 den Agentenfilm mit Tropen des 80er-Actionkinos und verband dies mit dem Film-Noir. Gerade Letzteres steht hier Pate für das Motiv des Verlusts von Orientierung und Halt in der Souveränität des Institutionellen. So wird Hunt zu einem plötzlich zu Unrecht Verdächtigen, Flüchtenden, Abtrünnigen, Verunsicherten. Es ist eine Ambiguität, die sich damit auch und ganz modern im Identitären verhandelt wird – Maske auf Maske wird abgezogen –, die sich aber gerade unter Hintergrund des globalen Kontextes, in dem die Reihe entsteht, aus dem Verlust des Historischen selbst schweißt.
Was jagt Ethan Hunt? Tom Cruise ist natürlich ein Post-Kalter-Krieg-Agent, ein Agent des sogenannten „Endes der Geschichte“ – in diesem ersten Teil ist das überdeutlich. Hunts Beziehung zu seiner Umwelt scheint dabei durch nichts ‘Bedeutendes’ rational gerechtfertigt zu sein, wie es noch beim Briten Bond der Fall ist. Weder steht die Geschichte auf seiner Seite, noch der Staat. Sie scheint fast rein körperlich, rein taktil (mit Julia Kristeva), was sich auch in der Wirkung der Filme widerspiegelt: Sie sind Attraktionskino, das einen mit Hunt haften und fallen lässt und damit jene urbanen Bewegungen der eigenen Welt verkörperlicht. Darin liegt der Lustgewinn dieser Filme. War für die Action der früheren Teile noch das Festhalten ein wichtiges Motiv, wurde es in den neueren ergänzt und in seiner Wirkung abgelöst von dem des freien Falls. Hunt verliert hier also vorerst jeglichen Halt, aber auch bewusst: Er springt und fällt, wie der Kurs der Aktie, die sich springend und fallend, von kathartischen Spannungsmomenten zum nächsten erstreckt und wieder zusammenzieht. Dem ergibt man sich, springt hinein, lässt sich fallen: Krise der Identität und des Subjekts, Krise der Geschichte, Krise des Kapitals.
Was jagt Hunt? „Wir sitzen alle im selben Zug“ heißt es im Eisenbahngleichnis von Erich Kästner „und reisen quer durch die Zeit.“ Hunt jagt in “Reckoning”, der die Reihe leider nicht beendet hat, auf einem Zug, auf diesem Symbolbild des Kapitalismus des 19. Jahrhunderts, der „Industrialisierung von Raum und Zeit“ (Schivelbusch). Das Ringen auf dem Zug wird zum Ringen mit der eigenen Raumlosigkeit, zur gleichzeitigen dauerhaften Autorisierung und Funktionalisierung durch den omnipräsenten Blick eines virtuellen Auges, der „Sortiermaschine“ (Stefan Mau). Die Flughafensequenz gehört zu den gelungensten der Reihe. Autorisierung und Überwachung in einem staatlich juristisch ambivalenten Zwischenraum, wechselnd zwischen den gläsernen Gängen, ständige Suche nach dem Koffer; präsente Gefahr im Kontrast zur Umgebung, die sich im Modus des „Weiterso“ zur gleichzeitigen omnipräsenten Eskalation bewegt. Benjamin schreibt über die Revolution als Bremse des Zugs der Geschichte – sie wird nicht gezogen, weil es ein Subjekt braucht, das zieht, das es aber hier nicht gibt: durch das ganze Rennen, Springen, Anfassen könnte man aber vielleicht das Scheppern und Knarren des Zuges spüren.
Alles bleibt “beim Alten“
Was jagt Ethan Hunt? Dieses Finale negiert seine Figur, negiert die ausgeführten Motive, negiert die Krise und überführt diese plötzlich in eine Konstruktion, die unter seinen ganzen Rück- und Vorblenden spürbar auseinanderbricht. Das Motiv der Freundschaft ist ein noch nicht erwähntes, aber wichtiges. Dieser letzte Film überführt die freundschaftliche Beziehung nun ins Staatliche: So wird die USA doch zum Verbündeten und rettet mit Ethan am Ende die Welt. Identität kann sich verstehen lassen als Bewegung der Konstanz – also als eine, die eine Chronologie braucht. Die vorherigen Filme verweigerten sich dem noch meistens, dieser letzte kann und will sich damit aber nicht zufriedengeben. Somit erhält Hunt in seiner Begegnung mit vergangenen Figuren plötzlich einen konstanteren Charakter. Wenn ihm am Ende dann auch noch die Macht über die AI überlassen wird, so bewegt man sich schließlich doch vollständig in den Motivwelten des autoritären Superheldenkinos. AI wird hier höchstens durch die Actionsequenzen in der Form ästhetisiert, dass sie fast ausschließlich auf bekannte Bildwelten der Reihe zurückgreift, Zusammenhänge darstellt, wo schlicht und ergreifend keine sind und schließlich völlig beliebig, drei Actionszenen zu einer zusammenwirft. Die Botschaft des gegenseitigen Vertrauens als Bedingung der Verhinderung eines großen Krieges wird dabei untergraben von der Vormachtstellung, welche die USA hier schließlich doch einnehmen. Die Aussage der Präsidentin, dass wir aufhören müssen, in der spieltheoretischen Welt der AI zu leben, wird ausgesprochen, aber eigentlich nur um zu verschleiern, was das heißt: Wir müssen anfangen, in einer neuen Welt zu leben. Es bleibt hier aber alles beim Alten – und zwar in dem Sinn, dass dieser Film durch seine Rückblenden dieses ‘Alte’ konstruiert. Hunt wurde somit doch eingeholt, egal wie schnell er rennt. Was ihn jagt, ist seine Verankerung eines doch konkret politischen Kontextes, von dem er sich freizulaufen versuchte. Die Geschichte war vielleicht doch nie am Ende.


