Melancholia
Meine erste Erfahrung mit Lars von Trier
2011, Regie: Lars von Trier
Ich mag Filme, doch was ich noch mehr mag: Leute, die für eben diese Filme verantwortlich sind (nicht unbedingt die Personen an sich, sondern deren Stil und Schaffen) – zu schauen, wie repräsentativ ein Film für das Gesamtwerk des jeweiligen Regisseurs ist, welche Rolle er in dessen Filmografie einnimmt, was davor und danach kam. Ein Filmemacher, mit dessen Werk ich mich noch beschäftigen will/werde/muss: Lars von Trier. “Melancholia” war meine erste Begegnung mit ihm, diese Filmkritik soll also keine fachmännische Analyse, sondern vielmehr eine Art Erfahrungsbericht sein; keine intellektuelle Beschäftigung mit dem Filmstoff, sondern eine Beschreibung auf reiner Gefühlsebene. Sein Name steht bei der Einblendung des Filmtitels dick oben drüber, dementsprechend sieht Lars von Trier sich definitiv als Auteur… weshalb ich beim Schauen umso mehr über ihn als Künstler, und eben nicht nur über den Film an sich nachgedacht habe. Ohne wirkliches Vorwissen.
Was sofort auffällt: die pure Bildgewalt. Der Anfang von “Melancholia” lässt sich als Aneinanderreihung von ausdrucksstarken Gemälden beschreiben, die sich in Zeitlupe und mit einer ruhigen Intensität bewegen (das Ende der Welt passiert langsam und eben nicht aus heiterem Himmel). Der Bruch zum nächsten Abschnitt des Films, in dem eine wackelige Kameraführung dominiert, ist radikal. Unbeholfen und verunsichert wirkt die ständig suchende Kamera – wie unsere Protagonistin, gespielt von der großartigen Kirsten Dunst.
Ihre Performance sprudelt nur so vor einem Gefühl der Depression – es ist das Hauptthema von “Melancholia” – und fängt jenen Zustand zwischen panischer Angst und völliger Gleichgültigkeit ein. Jeder scheint etwas von ihr zu wollen; und die Menschen, von denen sie sich selbst etwas erhofft, nehmen ihr Problem kaum war. Irgendwann schmeckt ihr Lieblingsessen wie Asche. Im Laufe des Films spüren wir den Moment, in dem das Wissen, dass wir alle sterben werden, nicht mehr auszuhalten ist. Und dann die absolute Abstumpfung: Dass die Welt untergeht – wir können es am Horizont sehen –, scheint nichtmal mehr das Problem zu sein. Womöglich ist das der essenzielle Unterschied zum Weltschmerz, der ja erklärbar ist. Leid sollte man bekanntlich nicht vergleichen, Lars von Trier tut es trotzdem. Dabei ist er rigoros und zynisch und hochsensibel.
“Melancholia” hat mich fertiggemacht. So nah ist er an Dingen, die man tatsächlich fühlt. Das Suchen nach Bestätigung ist ein gutes Beispiel, der Film thematisiert das Allerschlimmste, was ich mir vorstellen kann: Womöglich sind die Aussage, die beruhigen sollen, schlichtweg unwahr. Dass die Welt untergeht, sieht man bereits zu Beginn des Films – und trotzdem hoffen wir; dass es hilft, näher an die Probleme heranzutreten, scheint der Film vorzuschlagen – auch gelogen? Bitte nicht verkatert gucken! Den Kopf dieses Regisseurs hätte ich nur ungern. Wer den Tod akzeptiert, hat gewonnen, will er mir sagen. Puh.



