May December
Hier ist doch was faul... oder?
2023, Regie: Todd Haynes
Nach warmen Frühlingstagen sieht “May December” zu großen Teilen aus, wenn auch nur auf der Oberfläche: Der Film wird von einem beängstigenden Gefühl des Unwohlseins durchflossen – und das nicht nur wegen der gefahrvollen Musik, die uns durchgehend beibringt, wie wir dieses Werk zu betrachten haben. Regisseur Todd Haynes entfaltet den Inhalt hier auf schaurig-schöne Weise und hat das Ganze (wieder mal) mit hochspannenden Fragen zum Verhältnis von Film und Wirklichkeit vollgepumpt. Mehr dazu in der Kritik!
Todd Haynes nimmt sich in “May December” gerne ausgiebig Zeit, uns die Gesichter des, ich sag mal, sonderbaren Ehepaars Gracie und Joe – ihr Liebesverhältnis fing an, als Joe in der siebten Klasse und damit 23 Jahre jünger als Gracie war – zu zeigen, wenn Leute sie auf ihre, nochmal: sonderbare Geschichte ansprechen (auch wenn das Wort sonderbar hier eine gewaltige Untertreibung ist, schließlich ist einem als Zuschauer mehr als unwohl bei der Sache). Eben dadurch, dass die Reaktion vor allem von Gracies Seite so verdammt gering ist, wenn man sie an ihre Straftat erinnert, hat dieser Film eine so Angst einflößende Wirkung. Hier scheint die absolute Verdrängung am Werk zu sein. In ihrem Kopf ist Gracie lediglich ihren Lüsten nachgegangen, während alle anderen zu unsicher sind, diese auszuleben. Das, liebe Freunde, nennt man Gefahr.
Eine Frau, die solch eine Beziehung eingeht, hat doch bestimmt noch mehr Leichen im Keller. Das muss einfach so sein… oder nicht? Erwarten wir als Zuschauer nur, dass weitere Grausamkeiten aufgedeckt werden – weil das halt ein Film ist, der natürlich Wendungen haben muss–, oder sind unsere Vermutungen berechtigt? Ist es den Figuren gegenüber vielleicht unfair, so zu denken? Tatsächlich fungiert die Schauspielerin Elizabeth, welche Gracie beobachtet und sie daraufhin in einem Film spielen will, als eine Art Avatar für das Publikum, weil sie gewissermaßen (und vermutlich unbewusst) noch mehr würziges Drama finden will; schließlich wird ihr Film dann spannender. Und wir Zuschauer denken: Toi toi toi! Ich hab doch gesagt, hier ist was faul.
Als Schauspieler*in eine Person zu verkörpern, die es wirklich gibt (und zwar immer noch), ist ohnehin verrückt, wenn man drüber nachdenkt. Sich zum Verhalten dieser Person ausführliche Notizen zu machen und diese später in eine Filmrolle umzuwandeln, bedeutet ja – das macht “May December” sehr wohl deutlich – in eine fremde Existenz einzudringen. Und sowas ist doch irgendwie falsch, oder? "Das ist keine Geschichte, das ist mein beschissenes Leben!", brüllt Joe einmal aufgebracht. Nur, dass Joe leider nix zu sagen hat…
Dieses Spiel zwischen realen Fakten und fiktiver Geschichtsumschreibung scheint Todd Haynes zu faszinieren. "Es sind die moralischen Grauzonen, die interessant sind, oder nicht?", meint Elizabeth in einer Szene und macht damit zwischen den Zeilen deutlich, dass sie die Wahrheit im Vergleich eher uninteressant findet. Ähnlich so wie Haynes: Womöglich muss ein guter Film nicht die Wahrheit zeigen, höchstens eine emotionale Wahrheit – deshalb sind “Velvet Goldmine” und “I’m Not There”, zwei vielschichtige Musikfilme von Haynes, auch so äußerst frei im Umgang mit der 70s-Glamrock-Ära bzw. der Karriere von Bob Dylan. Schließlich ist die Wirklichkeit sowieso nie so interessant wie das, was man sich darunter vorstellt.
Fragen über Fragen werden in “May December” aufgeworfen: Gibt es einen Unterschied zwischen einer gesetzlichen Straftat und einer moralischen Straftat? Zwischen bösen und gebrochenen Menschen? Darf man jemanden verurteilen, den man persönlich nicht kennt? Können wir andere Menschen überhaupt voll und ganz kennenlernen? Zumindest auf die letzte Frage scheint Todd Haynes eine klare Antwort zu haben: Nein. Doch wenn die Beteiligten dir schon nicht die Wahrheit sagen – wer dann?



