Materialists
Don’t love your job, job your love
2025, Regie: Celine Song
Dating ist Mathematik: Wie hoch ist die Chance, dass es direkt beim ersten Date funktioniert? Wie berechnet man die Funktion, die mit hoher Wahrscheinlichkeit ein zweites Date bestimmt? Welchen Einfluss hat man auf den Erfolg des Dates? Und wie viele lassen sich innerhalb von einer Woche bewältigen?
Hinge ist eine App, sie ist „designed to be deleted“. Alle paar Minuten verliebt sich ein Single über Parship, man kennt’s. „Make the first move“ – aber was chattet man am besten, um eine Reaktion zu provozieren? Man sollte einfach man selbst sein, klar. Doch was ist, wenn man selbst nicht den entsprechenden Markenwert hat? Der sozioökonomisch determinierte Körper setzt einem Grenzen, es braucht kulturelles Kapital. Man steht vielleicht auf Leute, die lesen. Statistisch gesehen geben viele Frauen Lesen als attraktivstes Hobby bei Männern an. Das Performative-Male-Syndrom beschreibt eine Reaktion darauf. Es ist deswegen instagrammable, weil es gerade Männer sind, die eigentlich über genügend ästhetisches Kapital verfügen, und gerade deswegen der Griff zum Buch einen Bedeutungsüberschuss produziert, der komisch wirkt. New York ist gut zum Daten, weil es eine der wenigen Städte ist, in der es mehr Frauen als Männer gibt. Das ist Mathematik: Die Wahrscheinlichkeit ist höher, dass einen mehr Frauen attraktiv finden, da die Konkurrenz kleiner ist. Das ist schlichtweg ein Algorithmus. Wenn man auf Bildern viel attraktiver aussieht, provoziert man falsche Erwartungen, die dann beim Date enttäuscht werden. Man ist ein Catfish, ein Wels, der früher in einen Tank mit Lachsen geworfen wurde, um diese agil und fit zu halten. Die Lachse sind die mit dem höheren Markenwert – und dann gibt es da noch die sogenannten Unicorns…
Der von Pedro Pascal gespielte Charakter Harry Castillo ist so eines, erzählt uns Lucy (Dakota Johnson) an einer Stelle. Ein Mensch mit scheinbar perfekten Merkmalen. Das Ideal, ganz selten dann doch real. Liebe ist leicht, weil sie einfach passiert; Dating ist wiederum schwerer. Eine Beinoperation steigere den Marktwert um einen stattlichen Prozentanteil, heißt es dann auch im Dialog – und da ist dann auch noch die Sache mit der Hairline, mit dem Alter, mit der Größe. Wie leicht ist die Liebe wirklich?
„Materialist“ erinnert stark an das Gedicht „neue sachliche Romanze“ von Erich Kästner, wo es in der ersten Strophe heißt:
„Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.”
Neue sachliche Romanze ist hier nicht nur eine Anspielung auf das ästhetische Programm der neuen Sachlichkeit, sprich etwa auf die nüchterne, nicht expressionistische Darstellungsart dieser endenden Liebe. Das Romantische wird hier versachlicht – es geht verloren wie ein Stock oder Hut. Versachlichung und Verlust der Liebe werden hier parallelisiert. Und es ist dieser Konflikt zwischen dem sich unsere Protagonistin Lucy dauerhaft hin- und herbewegt.
Celine Song führt mit diesem Film das weiter, was ihr mit „Past Lives“ an den besten Stellen gelang: das Erschaffen von neuen, nüchternen Rom-Coms. Neu sind sie, weil sie sich gegen die der letzten beiden Jahrzehnte stellen, denen jegliches Gefühl über die tatsächlichen sozialen Bedingungen von Beziehungen im digitalen 21. Jahrhundert fehlte. Ihre Filme sind Post-Eva-Illouz, also jener Soziologin, deren Werke nun schon fast vollkommen kanonisiert sind und über die ökonomischen Bedingungen von Liebe und Sexualität aufklären. Gleichzeitig haben Celine Songs Filme eine Art des Sachlichen, Neutralen, dabei aber vorsichtig Hoffnungsvollen. Sie glauben noch an die Liebe, wie viele gegenwärtige Hollywood-Produktionen klammern sie sich schon fast daran. So ist „Materialist“ auch bei aller Traurigkeit, die in jedem der irritierenden und ungewohnt sachlichen Monologe steckt, letztlich doch eine Komödie, und die hat schließlich ein gutes, leichtes Ende. Es kann darüber diskutiert werden, ob dies angebracht ist, ob der Film gar doch allzu regressiv an etwas klammert, was ebenfalls überwunden werden könnte (und sollte). Fest steht aber: In meinem Text zu der ebenfalls dieses Jahr erschienenen Rom-Com „We Live In Time“ habe ich ein Sehnen nach einem gelungenen neuen Genrevertreter ausgedrückt. „Materialists“ ist vielleicht nicht exakt das, doch das sehr gelungene Drehbuch zu “Materilalists” kommt der Sache schon sehr nah.



