Juror #2
Egal ob Wahrheit oder Lüge: In “Juror #2” verfolgen alle ihre eigene Interessen.
2024, Regie: Clint Eastwood
Alles in “Juror #2”, dem neuen (und womöglich letzten) Werk von Clint Eastwood, ist vor allem zu Beginn sorgfältig angeordnet; filmisch ist das alles ziemlich glatt, fast schon ‘perfekt’. Wir lernen eine typische, offenbar sorgenfreie Familie aus der US-amerikanischen Vorstadt kennen, auch wieder: geleckt, poliert, Eastwood scheint das Ganze bewusst auf leicht peinliche Weise darzustellen. Gleichzeitig sorgt der Regisseur schnell dafür, dass wir uns für den Familienvater Justin Kemp interessieren – so ein toller Ehemann, er hat sogar schon das Kinderzimmer gestrichen! – und dieser formale Glanz passt gut zum Inhalt des Films. Denn alles wirkt hier einen Ticken zu perfekt.
Dass sich unter der Vorstadt-Glätte etwas Düsteres verbirgt, wird vor allem durch die Performance von Nicholas Hoult deutlich (im jüngst veröffentlichten Remake von “Nosferatu” fand ich ihn sehr schlecht, doch in “Juror #2” gefällt er mir gut). Ein angespannter Kiefer macht seinen Zwiespalt deutlich, Eastwood ist ausgesprochen talentiert darin, uns Hoults Gesicht in genau den richtigen Momenten zu zeigen – wir lernen schnell: Irgendwas stimmt hier nicht.
Und was ist in “Juror #2” nun das Verkehrte? Nun ja, der Film lässt sich als eine Art Verdrehung von Sidney Lumets Meisterwerk “Die zwölf Geschworenen” aus dem Jahr 1957 beschreiben und verfolgt eine ähnliche Form der Gesellschaftskritik, nur dass unser Protagonist hier – anders als Henry Fondas Charakter in “Die zwölf Geschworenen” – keine moralische Instanz (oder gar einen Helden) darstellt, sondern selbst der Schuldige im diskutierten Gerichtsfall ist. Demnach darf nichts, was er unter den Geschworenen bespricht, als tatsächlicher Willen nach Gerechtigkeit gelesen werden. Vielmehr ist jede Aussage eine Form von Selbstschutz. “Juror #2” macht deutlich, wie die Gesellschaft im Post-War-Amerika der späten Fünfzigerjahre aussah; und wo wir heute im Kontrast dazu stehen.
Niemand hat hier aufrichtige Ziele. Die meisten Geschworenen wollen einfach schnell nach Hause und sagen dementsprechend das, was die anderen hören wollen, damit das Ganze schnell vorüber ist. Populismus vom Feinsten. Wirklich an etwas glauben – egal ob Wahrheit oder nicht – tut hier niemand. Diese vorliegende Anklage ist doch irgendwie Quatsch, da ist man sich einig. Und trotzdem wird eine Entscheidung getroffen.
Egal ob Wahrheit oder Lüge, jede*r verfolgt in “Juror #2” eigene Interessen. So auch Faith Killebrew (gespielt von der großartigen Toni Collette), die gleichzeitig mitten in einem Wahlkampf steckt und vor allem an ihre politischen Ziele denkt. Eastwood stellt das auf kluge Weise dar: Der Angeklagte sei sicherlich nicht schuldig, sagt man Faith Killebrew, während diese in ihr Handy vertieft ist.
Klar, manchmal driftet der Film ins Plumpe ab, wenn die Charaktere beispielsweise auf das US-amerikanische Gerichtssystem anstoßen, weil sie ja nichts anderes hätten; typisch Clint Eastwood. Trotzdem stellt “Juror #2” auf gelungene Weise die Frage, ob richtig und falsch bzw. gut oder böse heute überhaupt noch relevante Kategorien sind, in denen eins davon überwiegen kann. Stattdessen haben wir es mit Leuten zu tun, welche die Wahrheit lieber mit ins Grab nehmen, statt damit rauszurücken. Dinge nicht sagen, ein gewaltiges Problem – verständlich, dennoch ein Problem.


