Challengers
Reden wir gerade ernsthaft über Tennis?
2024, Regie: Luca Guadagnino
“Challengers” ist ein sexuell aufgeladener Tennis-Film über Reibung, Schönheit und wie beides zusammenhängen kann. Mehr dazu in der Kritik!
Luca Guadagnino ist im kunstvollen Darstellen des menschlichen Körpers und den dazugehörigen Nuancen ein beispielloser Meister – höchstens der unter die Haut gehende Indie-Rock von Perfume Genius erschafft eine ähnlich physische Intimität –, sodass in seinen Filmen eine sexuelle Anspannung entsteht, die das gelungene Werk “Challengers” genauso offensiv nutzt wie die darin lebenden Figuren. Die Kamera gleitet elegant an den Körpern der drei Protagonisten entlang, schnelle Schnitte bringen dein Blut zum pumpen und dann noch diese Musik, beigesteuert vom mittlerweile legendären Komponisten-Duo aus Trent Reznor und Atticus Ross: Techno/House-Beats mit aufregenden Synth-Sechzehnteln und ähnlichen Süßigkeiten für’s Ohr. Großartig klingen diese Tracks und wissen genau, wann sie einsetzen müssen, um die gegebene Szene noch erotischer zu machen. Ich hab auch mit Leuten gesprochen, die das anders sehen, aber man könnte fast behaupten, dass der Film anders als Guadagnino-Filme wie “Call Me By Your Name” geradezu frei ist von Liebe und “lediglich” (bewusst in Anführungszeichen) von libidinöser Lust geprägt wird.
Und doch hat vor allem Zendaya, die eine der drei Hauptfiguren spielt, in Promo-Interviews zu “Challengers” mehrfach betont, dass darin keinerlei Sexszenen auftauchen. Stimmt. Stattdessen ist der Tennissport hier ein klarer Ersatz für den Sexakt: Schweiß über noch mehr Schweiß, leidenschaftliche Slow-Mo-Aufnahmen, das ausgiebige Stöhnen geht im Soundmix alles andere als unter (“Are we still talking about tennis?”, heißt es zwischendurch). “Challengers” scheint damit in einer Reihe zu stehen mit Sportfilmen, die von Nicht-Sportfans gedreht wurden. "I don’t watch tennis matches. It’s quite boring to me", erzählte Luca Guadagnino diesbezüglich im Interview mit Little White Lies und erinnert damit an Martin Scorsese, der vor “Raging Bull” nichtmal im Geringsten etwas mit Boxen am Hut hatte. Das ist ja ein ähnlich hochstilisiertes, poetisch gefilmtes Werk, in der die eigene Existenz ebenfalls als Wettkampf gelebt wird. Nur dass der Sport in “Challengers” keinen gewaltsamen Kampf mit sich selbst symbolisiert, sondern einen durchtriebenen Willen nach… nun ja, das macht der Film nicht hundertprozentig klar. Anerkennung spielt mit Sicherheit eine Rolle. Oder doch Liebe? Wenn ja: Liebe zwischen wem?
Wo es in “Raging Bull” aber eindeutig um Eifersucht geht, hat “Challengers” vielmehr etwas mit einem männlichen Überbietungsdruck zu tun, der über Eifersucht hinausgeht. Immer wieder fällt sie mir auf – im Alltag sowie in “Challengers” –, dieser unausgesprochene und meist subtile Drang sich zu vergleichen, einander zu überbieten. So hat der Typ, der im Kino neben mir saß, die Denkerpose eingenommen und seiner Freundin irgendwelche Deutungsansätze vorzutragen, als er gesehen hat, dass ich mir Notizen zum Film mache. Unangenehm und nervig.
Jedenfalls scheint “Challengers” geradezu für diese Form von Konkurrenz zu plädieren und uns zu sagen, dass das nicht zwingend etwas Negatives sein muss; dass sie für manche Menschen schlichtweg notwendig ist. So zeigt Luca Guadagnino hier eine oft choreografiert aussehende Dualität zwischen zwei Männern, die in erster Linie nach Spaß aussieht. Wir werden Zeugen davon, wie Patrick (Josh O’Connor) und Art (Mike Faist) in Einklang miteinander stehen und dann wieder nicht – bis wir lernen, dass die allerwichtigste Beziehung in “Challengers” eben zwischen diesen beiden Männern stattfindet. Das hat auch Tashi (Zendaya) erkannt, vielleicht sogar von Beginn an.
“Challengers” macht deutlich, was passiert, wenn einem diese Form der Leidenschaft abhandenkommt; so sehen/hören wir einmal das vielleicht herzloseste “I Love You” der modernen Filmgeschichte. Wie wertvoll Anspannung und Reibung sein können, wird im supertollen Ende nochmal deutlicher, als der Funke endlich wieder da ist. Und der Typ neben mir dann so: “Wer hat den Praktikanten denn die letzten 5 Minuten drehen lassen?” Blöder Spacken.



