Bronson
Gastbeitrag von Jacob Wölk
2008, Regie: Nicolas Winding Refn
„In the end...I’ve got it wrong, quite seriously wrong actually. They sent me here: the funny farm.“
Was macht man mit einem Menschen, der sich so lange gegen sämtliche Korrekturversuche und disziplinarische Maßnahmen widersetzt, bis die Gefängnisse und Irrenhäuser schlussendlich an ihm zerbrechen?
Es gibt dieses Gefühl, manchmal taucht es ganz plötzlich in einer kleinen dunklen Schlucht in den inneren, hinteren, versteckten Gängen des Hirns auf und wächst von Wand zu Wand prallend, zu einem tosenden Echo heran. Manchmal, während einer verkaterten Zugfahrt, beim Schreiben einer Jobbewerbung oder während man entgeistert auf seine eigene Scheiße herunterstarrt: Wer zum Teufel bin ich, was tue ich und wo muss ich hin? Der junge Michael Peterson ist überzeugt davon, dass Großes in ihm steckt. Allerdings steckt in ihm auch rasend viel Wut und ein permanent lauerndes Aggressionspotential, welches ihn früh in brutale körperliche Auseinandersetzungen und eben auch hinter Gitter führt. Das Gefängnis jedoch, meistens steht es doch eher für das Ende der wilden Erzählungen von berüchtigten Figuren, symbolisiert hier den Anfang der Geschichte der Verwandlung von Michael Peterson in Charles Bronson, auch bekannt als „the UK’s most dangerous prisoner“.
Bronson (gespielt vom hervorragend schreienden Tom Hardy) verdrischt Wärter wie kein Zweiter und macht hieraus so etwas wie seinen eigenen ganz persönlichen Höchstleistungssport, indem er irgendwann so gut wird, dass es keine Gefängnisse mehr gibt, die bereit wären, ihn einzusperren. Daraufhin wird er für verrückt erklärt, nur um in den Psychiatrien so viel Schaden anzurichten, dass auch diese ihn loswerden wollen und ihm seine Zurechnungsfähigkeit attestieren.
Zwar erarbeitet sich Bronson so Schritt für Schritt einen Ruf als berühmt-berüchtigter Gefangener, aber in der echten Welt stößt er nach seiner Entlassung schnell wieder an seine Grenzen. Er versucht sich als Untergrundkämpfer und verliebt sich, nur um abgewiesen zu werden und kurze Zeit später wieder hinter Gittern zu landen. Mehrfach wird ihm unterstellt, keine Ambitionen zu haben, und es scheint klarer zu werden, dass Bronson selbst nicht weiß, was genau bzw. wer genau er denn sein möchte. Doch je mehr Zeit er im Knast verbringt, desto mehr scheint es, als hätte Bronson sehr wohl gewisse Ambitionen. Diese scheinen sich halt nur eben darin zu manifestieren, sich weiter in der Figur des „Charles Bronson“ (seines Kämpfer-Alter Egos) zu entfalten, anstatt ein geordnetes Leben zu führen. Eine Figur, die getrennt von seinem früheren Ich außerhalb der Gesellschaft existiert. Was wäre denn verrückter? Sich entgegen der Gesellschaft frei zu entfalten oder nach den Regeln zu spielen und das vielleicht niemals ganz zu erreichen? Frei ist Bronson jedenfalls nicht, auf welche Art bleibt Interpretationssache. Der echte Charles Bronson, auf dessen Leben der Film basiert, sitzt jedenfalls heute noch eine lebenslängliche Freiheitsstrafe ab.
Hardy leistet in seiner Porträtierung des Dauerhäftlings einen Drahtseilakt zwischen Sabbern, Singen und Nacktheit, der schnell ins Lächerliche oder in stumpfe Brutalität, ins Übertriebene hätte kippen können. Doch gelingt es ihm, Bronson immer wieder eine glaubhafte Tiefe einzuhauchen, weswegen man ihm das Bild eines Mannes, der sich im Gefängnis freier entfalten zu scheinen kann als in Freiheit, auch wirklich abkauft.
Während Bronsons Eskapaden drängen sich viele unterschiedliche cineastische Vergleiche auf, so fühlt man sich immer wieder an Kubricks „Clockwork Orange“ erinnert, erwischt sich bei einem subtilen Schmunzeln, das sich nach irgendwas zwischen den Coen-Brüdern und Wes Anderson anfühlt, oder wittert eine Prise „Trainspotting“ versetzt mit einem Hauch Tarantino-Aroma. Wie auch bei „Drive“ (2011), dem großen Hollywood-Debüt des Regisseurs Nicolas Winding Refn, spürt man in jedem Moment die Injektion von purem Kinostoff, wobei die Nadel noch frisch in der Vene zu stecken scheint.


