Blink Twice
Kurze Absätze: Erzählen um zu erinnern, erinnern um zu erzählen
2024, Regie: Zoë Kravitz
Trailer im gewöhnlichen Kino haben seit einiger Zeit eine unangenehme Eigenschaft; sie wollen einfach nicht enden. Dabei passen sie sich selbstredend Sehgewohnheiten eines Publikums an, das im Schnitt weit mehr Bewegbilder in Form von Kurzvideos konsumiert als Filme. Szene an Szene wird aneinandergereiht, ohne dass irgendeine Form der Dramaturgie, einer Logik erkennbar ist. Sie laufen einfach und laufen und laufen… – Das Doomschrolling, was man mal ausnahmsweise in der Tasche lässt (zum Teil nicht mal das) wird auf der Leinwand einfach fortgesetzt. Schaut man sich Filme wie Borderlands an oder stellenweise dem neuen Alien, würde es nicht wundern, wenn wir irgendwann gar nicht mehr unterscheiden könnten, wann wir die Form der Trailer und Kurzvideos verlassen. Es sind die überinszenierten Firmenlogos, welche noch eine klare Trennlinie markieren: sie bleiben eine letzte Bastion.
Was sich daran abzeichnet ist, was der Philosoph Byung-Chul Han als „Krise der Narration“ bezeichnet. Das Erzählen wurde im Zuge der Moderne infrage gestellt und schließlich vom Kapitalismus der letzten Jahrzehnte vollständig inhaliert: ”Storys“ sind die neuen Geschichten. Getragen werden sie von Informationen, der Kommunikationseinheit einer autoritären Gesellschaft völliger Transparenz. Das Erzählen weicht dem Berichten und dem Protokollieren und so sind auch Trailer eigentlich nur noch Protokolle ihrer Filme und Filme Berichte ihres “Contents“
Blink Twice, der in seiner Vermarktung, seinen Cast, seiner Ästhetik erstmal daherkommt, als würde er sich mühelos darin einordnen, überrascht. Vergleichbar ist er in diesem Effekt mit Filmen wie „Don’t worry Darling“, oder „The Menu“. Dass er mit ersten auch thematischen Schwerpunkten teilt, tut gar nichts zur Sache; die entscheidende Gemeinsamkeit besteht in ihrem Umgang mit dem Genre des Thrillers. Alle drei lassen sich nicht als genretheoretisch besonders ambig bezeichnen; es sind von ihrem spezifischen Spannungsaufbau, der auf Suspense-Elementen aufbaut, sehr eindeutig als Thriller konzipiert. Was sie vereint ist, dass sie über einen sehr langen Zeitraum bewusst protokollieren und informieren und sich dabei auffällig am erzählerisch banalen, entschleunigenden aufhalten. Sie übernehmen fast ästhetisch überaffirmativ die Krise der Narrativen in ihre Struktur, um sie dann (und the Menu geht da einen etwas besonderen Weg) am Ende zu problematisieren. Die Dissonanz der Form dient in allen Fällen dem Aufgreifen realer gesellschaftlicher Dissonanz; der Darstellung von Widersprüchlichkeiten der kapitalistischen Gesellschaft, derer klar unterstrichener Kritik. Alle drei Filme beziehen Stellung im wahrsten Wortes Sinne des Wortes; rücken sie doch bereits im affirmativen Teil immer wieder bestimmte Elemente berechtigterweise, welche den Bruch der Affirmation bereits vorbereiten. Es sind damit Filme, engagiert in ihrem Anspruch, in gewisser Hinsicht eine offensiv ideologiekritische Position mit der Verbindung klassischer Thriller Tropen zu konventionalisieren. Erfolglos, wurden doch alle drei Filme nicht besonders breit und intensiv rezipiert. Trotzdem ist der Versuch interessant.
Byung-Chul Han argumentiert in seinem Essay für die Notwendigkeit des Vergessens für das Narrative. Nur wenn man vergessen kann, Details auslässt, Lücken lässt, kann man sie zu einem Narrativ verbinden. In Blink Twice ist es umgekehrt; das Vergessen wird zur Grundlage der Urlaubsidylle. Nur weil die Figuren gezwungen werden zu vergessen, können sie Spaß haben, in einer “Story“ leben. Es ist der Warenfetisch, welcher sich in dessen entwickelter Zuspitzung auf konsumierbare Momente ausgedehnt hat. Erst das Erinnern ermächtigt die Figuren schließlich dazu, sich einen Begriff darüberzumachen, was vor sich geht, um es auf eine Erzählung zu bringen. Es erinnert an Nietzsche, der in der Morgenröte schreibt, dass es das Vergessen nicht gibt. Es ist ein Begriff für eine Lücke, die dadurch entsteht, dass die Wiedererinnerung nicht in unserer Macht steht. Die Figuren ermächtigen sich also durch das Wiedererinnern, wie sich der Film auch gegenüber der anfänglichen Form ermächtigt und sie durchbricht. (Ob das hier so perfekt funktioniert, ist eine andere Frage).
Das Erinnern wird hier also zur Grundlage, um zurück zum Erzählen zukommen und das Erzählen wiederum, um sich zu Erinnern. Denn auch wenn Han, auf die Notwendigkeit des Vergessens für das Erzählen im Kontrast zum alles umfassenden Informativen hinweist; schreibt er auch, dass jede Theorie Erzählung ist. Filme sind jedoch keine Romane und funktionieren narrativ anders. Dass dieser engagierte Ansatz des Films also Gefahr läuft, in gewissen Punkten zu scheitern, zeigt vielleicht das Ende auf, was misslingt.



