All That Heaven Allows
Wo die Liebe hinfällt, oder: Das Alles müsste so einfach sein, ist es aber nicht...
1955, Regie: Douglas Sirk
Die ersten Funken des Verliebtseins – jeder kennt sie – fängt “All That Heaven Allows” so wundervoll ein, dass man den gesamten Film lang gerührt ist. Gemeinsam mit der weitereichenden Palette an Emotionen, die nunmal zur Liebe gehören (Enttäuschung/Erleichterung/u.s.w.) fliegen sie vom Bildschirm in unsere Richtung, immer wieder. Ein elektrischer Film ist “All That Heaven Allows” also: Plötzlich ist jemand Teil deines Lebens, die Spannung ist unwiderstehlich, da kann niemand was für. Mit anderen Menschen zu sein, fühlt sich schlagartig wie Zeitverschwendung oder angestrengte Schauspielerei an. Wo gerade noch Stillstand war, ist nun Bewegung. “Kommst du morgen wieder?”, fragt die Witwe Cary Scott ihren Gärtner Ron Kirby – und lächelt beruhigt, als er zustimmt. In “All That Heaven Allows” entzücken vor allem jene Blicke, die nur wir Zuschauer sehen; die anderen Charaktere eben nicht.
Wir haben es hier mit einem perfekten Film aus dem Golden Age of Hollywood zu tun. Die gleitende Musik, die saftigen Technicolor-Farben, die liebevoll gestalteten Klamotten – alles ist absolut großartig. Melodramatisch wirkt dieses Meisterstück allemal, ja, aber nie peinlich oder übertrieben. Todd Haynes, der sich in seinem eigenen Film “Far from Heaven” auf das Schaffen von Douglas Sirk und vor allem “All That Heaven Allows” bezieht, erklärt die geschmeidige Feinheit von Sirks Fünfzigerjahre-Werk wie folgt:
“These are about the lives – the family life and the romatic life – of all of us, who don’t get to act out on the big stage these fantasies of conquering the world or taking on the dark forces. So there’s something inherently unheroic about the people. These days everybody wants a movie to show you the good example, and to show you the hero, and to show you somebody fighting back and fixing the world. These movies don’t do that. […] The characters in Sirk films are never quite up to the tasks that they face.”
Dadurch ist “All That Heaven Allows” zwar seiner Zeit voraus, bleibt jedoch ein klares Produkt der Pre-Sixties-Nachkriegszeit: So ist der Film voll mit übergriffigen Männern, die zu wissen glauben, was die unentschlossene Protagonistin Cary Scott braucht. Und natürlich herrscht Empörung, als Scott den deutlich jüngeren, alles andere als wohlhabenden Gärtner Ron Kirby heiraten will. Dass wahre Liebe auch außerhalb des eigenen Wohlstands möglich ist, scheint für die Image-besessenen Kleinstadtbürger von Stoningham undenkbar zu sein.
Die tragische Tatsache, dass sich niemand für Cary Scotts Zufriedenheit, sondern vielmehr für ihr Brechen mit den vermeintlichen Regeln einer wohlhabenden Witwe interessiert, wird auf brutalste Weise an den Reaktionen ihrer Kinder deutlich. Diese drohen, den Kontakt zur eigenen Mutter abzubrechen, falls Kirby ihr Ehemann werden sollte. Auch hier wird deutlich, dass wir uns eindeutig vor den Sechzigerjahren befinden: Ihre Kinder sind zwar Studenten und kennen sich mit Freud (und ähnlichem Quatsch) aus, doch einen Gärtner aus der Mittelklasse in die eigene Wohlstandsfamilie zu lassen, das sei nun wirklich zu viel. "In Zukunft wird sich wohl noch allerlei verändern", meint der Sohn einmal spöttisch, deutet damit auf die Umgestaltung des eigenen Elternhauses hin und kommentiert gleichzeitig die sich radikal verändernden Gesellschaftsnormen innerhalb der Fünfzigerjahre.
Das eigene Glück und die Selbstverwirklichung als leitendes Lebensziel zu sehen, war damals noch keine Selbstverständlichkeit, schon gar nicht für Frauen. Vielmehr musste man schlichtweg funktionieren – innerhalb der Gesellschaft, deren Konventionen hier eindeutig als sinnloser Käfig dargestellt werden. Das ausdrucksstärkste Symbol dafür ist in “All That Heaven Allows” der Fernseher, den Cary Scott gegen Ende geschenkt bekommt: Ihre Schönheit, voller Frustration und Trauer, spiegelt sich darin wieder, obwohl sie doch explizit keinen Fernseher im Haus haben wollte (da dieser das absolute Hingeben zu einem passiven Lebensstil repräsentiert). Sie ist sozusagen darin gefangen, eine Kameraeinstellung für die Götter. In “All That Heaven Allows” sind keine einzelnen Personen die Feinde, sondern die gesamte Gesellschaft an sich. Der eigene Wohlstand wird zur Last, er steht plötzlich im Weg. Auszubrechen fällt schwer. Und klappt dann doch irgendwie. Ultraprogressiver Film.



