Aftersun
Der (bisher) beste Film der 2020er Jahre
2022, Regie: Charlotte Wells
Es ist der gesamte Film in einer Szene zusammengefasst: Die 11-jährige Schottin Sophie, die mit ihrem depressiven Vater Calum einen Sommerurlaub in der Türkei verbringt, schläft im Bett des eher kleinen Hotelzimmers, während Calum auf der Terrasse steht und seine Zigarette nicht angezündet bekommt – die Tochter kriegt (noch) nichts mit von der Qual ihres Vaters, während dieser ständig mit Problemen zu kämpfen hat. Gleichzeitig wird hier eine Distanz zwischen beiden Personen etabliert, so ist Calum lediglich hinter einer Glasscheibe zu sehen, während Sophie vorne im Bild platziert wurde; wessen Perspektive wir in "Aftersun" einnehmen, sollte dementsprechend klar sein.
Eben diesen Abstand, den Sophie zu ihrem Vater hat, behalten wir auch als Zuschauer bei. Genau wie seine Tochter wollen wir verstehen, was in Calum vor sich geht, erhalten aber nur sporadische Einblicke. "Dad? He's... good", berichtet Sophie einmal im Telefongespräch mit ihrer Mutter; sie ist sich eindeutig unsicher. Calum macht es ihr außerdem nicht leicht, schließlich versucht er, seinen labilen Zustand vor der eigenen Tochter zu verstecken. Gefühle in sich reinzufressen ist sinnlos – aber wie sieht's aus, wenn Kinder im Spiel sind?
"Aftersun" symbolisiert den einschneidenden Moment, in dem man als Kind feststellt, dass die eigenen Eltern eben auch nur Menschen sind, mit eigenen Macken und Sorgen. Nochmal: Wir lernen hier nichts über Calums Gemütszustand, sondern über Sophies Blick auf Calums Gemütszustand; wenn die beiden am nächsten Tag im Hotelzimmer aufwachen, sehen wir nicht nur auf Calums Hinterkopf, sondern wie Sophie eben diesen anschaut. Dieser fast handlungslose Film erzählt in jeder Kameraeinstellung eine Geschichte. Die Figuren könnten nichts sagen, trotzdem würden alle Emotionen deutlich werden. Ständig hört man Sophies Kopf rattern.
Gleichzeitig ist "Aftersun" auch ein Werk zum Thema Gedächtnis, so ist der Film als Reihe von Erinnerungen erzählt, die Sophie viele Jahre später an diesen Sommerurlaub mit ihrem Vater hat. Sich an zwischenmenschliche Dynamiken zu erinnern ist schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, will Regisseurin Charlotte Wells uns sagen. Um dies zu verdeutlichen, nutzt sie Videoausschnitte aus einer Digitalkamera, welche die beiden im Urlaub dabei hatten, sowie Reflexionen im Fenster oder Glastisch – im Sinne von: Was wir hier sehen, ist nicht die Wirklichkeit, sondern nur die Spiegelung einer Realität.
Ab wann ist man wirklich gemeinsam an einem Ort? Ist man das auch dann, wenn man sich extreme Mühe geben muss, gemeinsam Spaß zu haben? Zweisamkeit war das Ziel, doch wurde sie auch erreicht? Und vor allem: War das genug? Calums fehlende Fähigkeit, sich tatsächlich freuen zu können, porträtiert Schauspieler Paul Mescal auf großartige Weise. Ständig schaut er sich die Aufnahmen gemeinsamer Momente mit Sophie an, um irgendetwas zu fühlen – oder um sicherzugehen, dass die eingefangenen Situationen auch wirklich schön waren. Dass sie gerne noch länger bleiben würde, meint Sophie gegen Ende des Urlaubs zu ihm, und für einen kurzen Moment scheint Calum so etwas wie Freude zu spüren. Es ist der beste Moment im bisher besten Film der 2020er Jahre.



