A Complete Unknown
Dass "A Complete Unknown" ultrapoliert daherkommt, ist nur eine von vielen Weisen, wie der Film sich selbst ins Knie schießt – und die Essenz seines Gegenstands verfehlt.
2024, Regie: James Mangold
"She’s pretty, sings pretty, maybe a little too pretty", murmelt der von Timothée Chalamet verkörperte Bob Dylan im Anschluss an einen wundervollen Auftritt von Joan Baez, gespielt von der großartigen Monica Barbaro. Etwas zu glatt würde sie performen, meint Dylan hier also – und plädiert, wie so oft in diesem Film, für eine ungeschliffene Rohheit. So weit, so gut. Dass "A Complete Unknown" jedoch ultrapoliert daherkommt, die Straßen von New York fast wie KI-generiert aussehen, ist nur eine von vielen Weisen, wie der Film sich selbst ins Knie schießt. Und die Essenz seines Gegenstands verfehlt.
Dylan nachzuahmen scheint unmöglich, zu oft driftet man ins Lächerliche ab – seine Art zu sprechen und gestikulieren ist schon einmalig genug, ganz zu schweigen von diesem Gesangsstil, wie er Wörter auf den Kopf stellt und verschluckt und im hohen Bogen durch die Luft schmeißt; auch sein Gitarrenspiel war vor allem in den frühen Folk-Tagen originell und ebenso pointiert wie all over the place. Worauf ich hinaus will: Timothée Chalamet wurde mit einer schwierigen Aufgabe konfrontiert und macht seinen Job so gut wie möglich, was letztendlich bedeutet, dass er nur selten peinlich ist. Natürlich trifft er nicht jede einzelne Nuance, versagt bei manchen Wortbetonungen und Vortragsweisen. Doch mir würde niemand einfallen, der das Ganze besser gemacht hätte.
In dieser Hinsicht ist "A Complete Unknown" durchaus gelungen, ebenso mit Blick auf das clever gelöste Voranschreiten der Zeit (der Film thematisiert die Jahre 1961 bis 1965). Über schlichtweg falsch dargestellte Ereignisse kann man hinwegsehen, das ist schließlich bei jedem Biopic so. Problematisch ist also nicht die historische Korrektheit diverser Kleinigkeiten, sondern ein, wie bereits angesprochen: grundlegendes Verfehlen der Essenz von Bob Dylan als popkulturelle Legende, als nie auserzählter Mythos. Denn Dylan ist eine Fahne im Wind – so nannte ich ihn im ersten Teil meiner Kaput-Kolumne "We Better Talk This Over" –, was in "A Complete Unknown" zwar deutlich, aber leicht verdreht wird. Denn im Film stellt Regisseur James Mangold es so dar, als würde Dylan an eben dieser Rastlosigkeit kaputtgehen. Das ist, zumindest wie es hier dargestellt wird, Quatsch. Das Bild eines geplagten Genies will Mangold hier etablieren, was in Kombination mit dem lockeren und vor allem freien Drauflos-Stil von Dylan fehl am Platz ist; oder zumindest überzogen wirkt.
Natürlich ist diese Darstellung der Tatsache geschuldet, dass in "A Complete Unknown" jemand dramatisiert werden muss, dem das Allermeiste egal ist; Timothée Chalamet muss jemanden spielen, der selbst die ganze Zeit schauspielert – und lügt. Extrem schwierig umsetzen, vor allem in alter Hollywood-Manier. Statt diese Tatsache auf spannende Weise zu nutzen, hat James Mangold eine unvorteilhafte Art gewählt, Dylan zu dramatisieren: Wenn er singt, sehen wir häufig die fassungslosen Gesichter der Zuschauer/-hörer, sie sind baff von diesem Übertalent. Das ist ein alter Spielberg-Trick, die Ausdrücke der im Film gezeigten Betrachter lehren uns die gewünschte Publikumsreaktion. Doch was bei Spielberg zu atemberaubenden Momenten führt, kommt hier leider peinlich rüber. Eine derart und nur auf der Oberfläche emotionsgeladene Darstellung von Bob Dylan ist überflüssig, unpassend, auf unelegante Weise manipulativ.
Was erwartet man von solch einem Film? Reicht es, dass er akzeptabel, wenn auch ziemlich leer ist? Müsste ein Film über den besten Musiker aller Zeiten nicht wesentlich aufgeladener sein? James Mangold weiß, dass man Bob Dylan nicht packen kann, daher ist der Titel "A Complete Unknown" durchaus gut gewählt. Doch der Spaß daran, sich mit Dylan zu beschäftigen, ist letztendlich der Versuch, genau das zu schaffen und mit jedem Hördurchgang einen Schritt näher zu kommen. Dieser Film ist – wenn überhaupt – ein klitzekleiner Schritt und versucht auch nicht, mehr zu sein. Das ist doch schade.



